Und plötzlich bist du 50.
Und plötzlich bist du 50. So schnell kann es gehen. Es ist ein neuer Lebensabschnitt: Die Wechseljahren, Kinder die ausfliegen, die Kraft und Geschmeidigkeit die sich langsam verabschiedet und die vielen Wehwehchen die sich plötzlich einstellen. Darüber schreibe ich hier. Um aufzuzeigen, dass viele in der gleichen Situation sind. Nur, man redet halt nicht drüber gäll...!
Der Sommer neigt sich dem Ende zu...
Der Sommer ist streng. Da leisten wir Bäuerinnen Spitzensport. Jeder einzelne Muskel wird aufs extremste belastet und beansprucht. Früher war das überhaupt kein Problem. Die Muskeln haben sich aufgebaut, gedehnt, gestreckt, wir fühlten uns fit und stark. Heute bauen sich die Muskeln auch auf, aber dann blockieren sie sich, verhärten und übersäuern. Wir gehen auf allen Vieren, sind nicht mehr imstande den Kopf zu drehen und können jeden einzelnen Muskel nach Schmerzensgrad benennen.
Natürlich rennen wir nicht gleich zum Arzt. Wäre ja blöd… wir warten bis sich die Leiden summieren. Dann lohnt es sich auch. Ende Juli war es wieder einmal soweit. Der Oberschenkelmuskel hat sich blockiert und ich humpelte in die Arztpraxis. Herr Doktor Ganzoni untersuchte mein Bein und verabreichte mir Voltaren. Nur mit Perskindol hätte ich da keine Chance.
Den Kopf konnte ich auch nicht mehr richtig drehen. Der Halsmuskel hatte sich auf der linken Seite, das ist mein Recharm, total verhärtet. Aber da ich schon Voltaren bekam, erzählte ich meinem Arzt nichts davon. Ich dachte das gehe dann mit einem Aufwasch. Hilft es dem Oberschenkelmuskel tut’s meinem Halsmuskel sicher auch gut. Trotzdem musste ich ihm auch noch mein drittes Problem offenbaren. Dieses hat mich sehr beunruhigt:
„ Mein Zehe am rechten Fuss ist eingeschlafen und wacht einfach nicht mehr auf, ist das normal, kann das mit der Blockade im linken Muskel zusammenhängen!“
„Der Zehe ist eingeschlafen? Welcher?“
„Der Mittler.“
„Seit wann?“
„Seit der Muskel blockiert ist, ca. eine Woche.“
Der Doktor war überrascht und schaute ganz fasziniert auf meinen Zeh. Dieser schien für ihn genau so ein Problem zu sein wie für mich. Jedenfalls kamen wir überein, dass Voltaren sicher auch da helfen wird.
Naja meinem Halsmuskel hat Voltaren nicht wirklich geholfen und mein Zeh schläft immer noch. Ende Sommer gehe ich zu Frau Ganzoni, sie ist Osteopathin. Sie drückt hier und da und schon ist alles wieder am richtigen Platz. Ich werde bei ihr gleich einen grossen Service buchen.
Männer sind da natürlich nicht besser dran als wir Frauen. Marco hatte oft starke Schmerzen im Knie. Es dauerte lange bis ich ihn überreden konnte endlich zum Arzt zu gehen. Dieser untersuchte das Knie gründlich und meinte:
„Das sind halt Altersbeschwerden.“
Seither geht er nicht mehr zum Arzt. Altersbeschwerden – für so eine Prognose brauche er keinen Doktor.
Fazit: Es ist unglaublich was einem im Alter alles weh tun kann. Da gibt es Leiden von denen hatten wir bis anhin keine Ahnung. Es wird spannend sein, was da alles noch zum Vorschein kommen wird. Ausserdem müssen wir Sorge zu uns tragen. Schliesslich gehört das auch zur Biodiversität. Das hat gleich mit zwei Ebene zu tun, die der Arten und die der Gene: Erhalten und pflegen der Artenvielfalt.
Die schönste Kuh im Stall
Ist es das Alter, das die Vergangenheit immer häufiger ins Gedächtnis zurück bringt? Oder versucht man dadurch unbewusst die Zeitbremse zu drücken. Vielleicht ist es auch die Schwiegertochter in spe, die Erinnerung aufleben lässt, wie es war – damals als ich auf den Hof kam.
Vieles in der Landwirtschaft war mir neu. Ich empfand es als spannend, aber auch oft als seltsam. Die Logik hinter vielem war für mich nicht als solche erkennbar und meine Fragen erhielten selten eine Antwort – es wurde so gehalten, einfach weil es so war.
Unbegreiflich für mich; dass man Kühe, Rinder, Kälber immer von hinten anschauen musste. Mal ehrlich, ob der Kopf schön geformt ist, die Augen gross und dunkel, das Fell seidig weich – das wollte ich sehen, nicht der A… sorry, das Hinterteil einer Kuh.
Ja, auch ich hatte meine Lieblingskuh. Sie hiess Rehli. Rehli war ein ganz besonderes Tier. Dunkelbraunes Fell mit leichtem rotem Schimmer. Der Schwanz buschig, lang und wenn die Sonne hinein schien glänzte er in verschiedenen Rottönen. Der Kopf edel, schlank mit grossen, dunklen Augen. Rehli war feingliedrig, hatte schlanke Fesseln, ein eher kleines aber hübsches rundes Euter. Wenn sie von der Wiese kam, sah sie nicht aus wie eine plumpe Kuh. Nein, ihr Gang war vornehm wie der einer Prinzessin. Das war mein Rehli.
Dann kam die Punktierung!
Rehli wurde gestrigelt und geputzt um den Hals bekam sie eine Glocke. Nicht die Grösste, die hätte nicht zu ihr gepasst. Gerne hätte ich ihr noch ein buntes Band um die Hörner geschlungen – aber das wollte Marco nicht.
Am Halfter führte Marco Rehli im Kreis. Zwei Männer schauten sie sich von allen Seiten an. Guckten wichtig in die Gegend, flüsterten miteinander und schrieben Punkte auf das Formular. Als ich das Blatt in die Hände bekam war ich frustriert. Was erlaubten sich die beiden Typen – mein Rehli, die schönsten Kuh im Stall (in meinen Augen) – und dann ein solch vernichtendes Urteil. Ich konnte mich fast nicht erholen.
Da kommen zwei ältere Herren, Stumpen zwischen den Zähnen, hässliche Gummistiefeln an den Füssen. Der Gurt unter dem Bauch fest gezurrt – ich glaub jedenfalls da war ein Gurt. Man hat ihn nicht gesehen, wegen dem Bauch. Und diese Zwei…, nahmen sich das Recht heraus meiner Kuh den Stempel „hässlich“ aufzudrücken. Meine Empörung kannte keine Grenzen.
Ich hätte die zwei (damals in meinen Augen) Wichtigtuer am liebsten mit blossen Händen gewürgt. Marco grinste nur: Das sei doch alles nur Show.
Punkto „Schönheitsidealen einer Kuh“ stehe ich einfach nicht auf demselben Level wie die Experten.
Auch heute schaue ich einer Kuh lieber zuerst in die Augen. Ist sie ruhig oder nervös. Hat sie alptaugliche Beine. Lässt sie sich gut melken oder schlägt sie aus. Eine Kuh muss nicht super viel Milch geben: Erstens haben wir schon genug Milch auf dem Markt, zweitens frisst so eine Kuh nicht nur Heu sondern auch unser Bankkonto. Sie sollte robust, zäh, gesund sein und sich gut in unsere Herde einfügen. Ausserdem habe ich gerne Kühe mit ein bisschen Fleisch auf den Rippen, besonders in der Gegend des Bündnerfleisches.
Marco behauptet immer: Wenn Frauen die Kühe beurteilen müssten, dann wäre die Punktierung auf einem natürlicheren Stand.
Logisch, wir sehen das halt anders, wir füllen mit –sozusagen von Frau zu Frau.
Ehe im Umbruch
In unseren Ferien auf dem Bartholomäberg erzählte uns die Mutter des Hoteliers verschwörerisch:
„In all den Jahren mit meinem Mann habe ich ihm immer gut zugehört. Ihn bestätigt und auf die Schulter geklopft. Aber schlussendlich habe ich das getan was ich wollte und was ich für richtig hielt. So lebten wir eine wundervolle Ehe.“
Im Grunde genommen war dies ein Vorbote der heutigen „moderne“ Ehe. Sie brachte sich im Betrieb ein, stand ihrem Mann zur Seite. Nicht als treusorgende Ehefrau sondern als gleichwertige Partnerin. In der Landwirtschaft kennen wir diese Form der Ehe schon lange.
Vieles ist im Umbruch in der heutigen Zeit. Auch die Ehe. Sie konstruiert sich neu, sucht andere Wege. Im Ehegefüge stecken viele Traditionen die sich über Jahre gebildet und gefestigt haben. In den Köpfen ist dies fest verankert und das loslassen und neu orientieren ist schmerzlich und beängstigend. Da wundert es nicht, dass so viel geschieden wird.
Man will noch an alte Grundmauern festhalten und merkt, dass es nicht mehr geht.
Wir müssen uns vom klassischen Bild der Ehe verabschieden:
Der Mann bringt das Geld nach Hause. Er ordnet die Versicherungen, füllt das Steuerformular aus. Regelt alles was so ansteht. Er ist der Mann der morgens früh aus dem Hause geht und abends spät wieder kommt. Oder – wie eine Kollegin ihren Kindern immer sagt:
„Papi ist der Mann der abends bei uns duscht.“
Die Frau sorgt für den Haushalt. Sie erzieht die Kinder, wäscht, bügelt, kocht, putzt und schaut dass es allen gut geht.
Die Rollenverteilung ist so klar definiert. Doch wenn man ganz ehrlich hinter das Gebilde schaut und hinterfragt – so ist es eine Entmündigung auf beiden Seiten. Verheerend wird’s wenn ein Ehepartner stirbt. Die Frau ist total überfordert mit Versicherungen, Steuern etc. Der Mann kann nicht einmal seine eigenen Hemden bügeln und muss froh sein, wenn er weiss wo sich die Schalter am Kochherd befinden.
Als ich eine Seniorin aus unserem Dorf im Volg traf, kamen wir ins plaudern. Plötzlich schaute sie auf die Uhr und rief ganz entsetzt:
„Schon achtzehn Uhr. Schreck! Jetzt wartet mein Mann zu Hause auf das Essen und ich habe noch nichts gekocht.“
Ganz nervös verabschiedete sie sich hastig. Ich dachte: Nach so vielen Ehejahren weiss der arme Kerl nicht mal wo der Kühlschrank steht.
Ich verstehe gut, dass unsere Kids sich nicht mehr in eine solche Abhängigkeit begeben möchten. Die klassische Ehestruktur ist am sterben. Sie muss sich, neu finden. Auch wenn viele ihr heimlich nachweinen. Es war bequemer so. Grob gesehen war die Frau finanziell versorgt, der Mann hatte eine günstige Haushälterin.
In der moderne Ehe sucht man sich aber keine Haushälterin mehr, auch keinen Versorger - Frau/Mann sucht sich einen Partner.
Ich bin sicher: Die Ehe ist auf gutem Wege. Herzerfrischendes Beispiel von unserer Heimreise aus den Ferien: Endstation Chur; zwei Familien mit kleinen Kindern machen sich zum Aussteigen fertig. Aber nicht die Mütter packen die Sachen. Die Väter stehen auf, ziehen den grösseren Kids die Jacken an, rüsten das Gepäck, legen die Babys in den Kinderwagen und stellen sich, wie selbstverständlich, hinter den Buggy um ihn zu schieben.
Die Zeit wird kommen, da werden die Kids im Kindergarten ihre Mütter nicht mehr mit Kochschürze und den Vater mit Aktenmappe malen.
Schwiegertöchter
Noch haben wir keine…! Oder besser gesagt wir wissen noch von keiner Schwiegertochter. Die Jungs erzählen uns ja nichts. Früher war das anders. Als sie noch in die Schule gingen, musste ich nur warten. Irgendwann kam dann der eine oder andere zum petzen. Oder ich konnte heimlich meine Ohren spitzen. Heute halten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Am meisten erfährt man noch im Facebook – das ist eine tolle Erfindung. Nur habe ich nicht die Zeit meinen Jungs nachzuschnüffeln. So warten wir einfach, und harren den Frauen die da kommen.
Man macht sich schon so seine Gedanken. Die heutigen Frauen sind meistens, in ihrem Beruf, gute ausgebildet. Sie sind weltgewandt, viel gereist, haben ein gesundes Selbstvertrauen – schlicht, sie sind durchs Band taff.
Als wir geheiratet haben war von der Direktvermarktung noch nicht viel vorhanden. Erst als die Kinder grösser wurden fing auch die Direktvermarktung an zu wachsen. Es kam immer etwas mehr dazu, vieles ist uns ans Herz gewachsen hinter vielem stecken unvergessliche Geschichten. Aber zur Direktvermarktung gehört auch Leidenschaft. So arbeitsaufwendig wie sie ist, kann sie nur bewältigt werden, wenn man Spass daran hat. Es reicht nicht, wenn nur der Sohn hinter der Direktvermarktung steht – es müssen beide am selben Strick ziehen. Was ist, wenn unsere zukünftige Schwiegertochter überhaupt keine Lust auf Konfitüren, Käse und Alpenbeef hat? Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass eine junge Frau die ganze Arbeit packt die wir heute leisten und nebenbei noch eine Familie mit Babys und Kleinkinder managt. Sicher kann ich einen Teil beitragen, weiterhin helfen wo ich kann, aber wird dies auch gewünscht?
Eine Kollegin von mir backt leidenschaftlich gerne Brot. Zweimal in der Woche backt sie Brote und Zöpfe für ihre Kundschaft. Als sie den Betrieb übergaben, wollte sie dem jungen Paar helfen und hat, unentgeltlich, weiterhin Brote für die Kunden gebacken. Das Geld dafür floss alles in den Betrieb. Leider hatte sie in ihrem Stöckli keinen Brotbackofen. So stand sie zweimal in der Woche bei ihrer Schwiegertochter in der Küche und backte ihre Brote. Der Krach war vorprogrammiert. Meine Kollegin konnte die Welt nicht mehr verstehen. Heute hat sie wieder ein gutes Verhältnis zu ihrer Schwiegertochter. Sie haben sich nicht schmollend zurück gezogen, sondern miteinander geredet. Die Erfahrung des Loslassens ist halt sehr schmerzlich. Das bezieht sich nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Sachen die wir lieben, Leidenschaften die wir mit viel Herzblut erarbeitet haben.
Die Landwirtschaft ist vielseitig und kann sich in die unterschiedlichsten Richtungen entwickeln. Unser Betrieb sieht auch ganz anders aus, als damals bei der Übernahme. Ich kann mich noch gut erinnern wie meine Schwiegereltern sich gegen die Blaudisteln gewehrt haben: Wir müssten gar nicht meinen, dass sie uns je unterstützen werden, bei so einem verrückten Unterfangen.
So sehen wir mit gemischten Gefühlen auf die Zukunft. Wie wird sich der Betrieb entwickeln? Geht es im selben Geleise weiter, oder werden sich die Jungen ganz neu orientieren? Vielleicht werden sie sogar zurück stecken, mit weniger zufrieden sein, dafür mehr auf Familie und Freizeit setzen.
Im Moment ist noch alles möglich – alles offen. Auch wie wir mit der Übergabe und der eventuellen Veränderung fertig werden. Zwar bin ich zuversichtlich und neugierig auf unsere zukünftige Schwiegertochter. Aber was ist, wenn es eine Zicke ist? Wenn die Chemie überhaupt nicht stimmt? Bei allen Streitigkeiten die ich bis jetzt bei meinen Kolleginnen erlebt habe muss ich ehrlich gestehen: Es gibt keine ultimative Lösung. Jeder muss seinen Weg zusammen mit der nächsten Generation selber finden. Das schlimmste ist einfach zu schlucken, denken: Irgendwann wird es besser. Sowas muss und sollte „Frau“ sich auf keinen Fall antun. Weder die Schwiegertöchter noch die Schwiegermütter. Es braucht Toleranz, Respekt und immer wieder reden, reden, reden…!
Frühlingsboten
Es wird geflüstert, dass dieses Jahr der Frühling erst im Herbst kommt. Aber Frühling gibt es bei uns in den Bergen eh nicht. Der erste Teil wird vom Winter verschluckt, der zweite vom Sommer übergangen. Wen wundert’s da, dass wir im April, Mai ins Unterland pilgern um ein bisschen Frühling zu erhaschen. Einfach um zu sehen was das ist „Frühling“.
Frühling ist bei uns, wenn der Schnee auf den Strassen durch den Tag taut und in der Nacht tüchtig gefriert. Es ist schon im Winter der reinste Eiertanz ins Dorf, aber im Frühling steht man vor einer Eisbahn und das abwärts. Marco lacht mich immer aus, weil ich die Strecke mit Vorsicht und Respekt bewältige. Aber seine Leichtfüssigkeit hat sich letzthin gnadenlos gerächt. Mit jugendlichem Schwung wollte er auf den Bahnhof, (in Sommerschuhen, logisch in Zürich hat es ja keinen Schnee mehr) mit Schwung landete er dann mitten auf der Strasse auf dem Rücken. Aber dies in meinem nächsten Bericht, das wird länger.
Früher war unser erster Frühlingsbote die Polizei:
„Sind das ihre Kinder auf der Strasse?“
„Ein Teil, aber nicht alle zwanzig“
„Wäre es möglich, den Kindern bei zu bringen, dass die Strasse kein Spielplatz ist!“
Die Kantonsstrasse ist die einzige schneefreie Zone im Frühling. Im Garten türmt sich der Schnee und die Seitenstrassen sind vereist oder versinken im Matsch. Jetzt kommt der zweite Frühlingsbote ins Spiel. Frühling ist wenn die Kids die Skis und Snowboards mit dem Fahrrad und dem Skateboard tauschen. Das ist bei ihnen wie eine innere Uhr. Und wo, bitte, geht man da mit den Fahrrädern hin – natürlich auf die Kantonsstrasse. Da kann man so richtig schön Gas geben, kurven und Bremsspuren setzen. Auch ist der Asphalt schnell von der Sonne aufgewärmt und macht das Sitzen angenehmer.
Der dritte Frühlingsbote: Die Strassen müssen repariert werden. Möglichst vor der Sommersaison. Überall schiessen Absperrungen zum Boden heraus und Ampeln werden gesetzt. Männer wühlen sich wie Maulwürfe in den Boden. Maschinen knattern, Teer dampft...! Wenn man im Winter über die seltsamen Fahrstile der Unterländer schimpft, darf man sich im Frühling über die Strassenbaustellen ärgern.
Dann gibt’s da auch noch einen vierten Frühlingsbote - die Versammlungen. Die Saison ist vorbei und schon geht ein zufriedener Seufzer durch die Vereine. Endlich haben alle Zeit – machen wir doch eine kleine Generalversammlung. Kurse, Tagungen, Sitzungen – das Steckbrett füllt sich in schwindelerregender Weise. Am liebsten habe ich die Überschneidungen. Da kann man zwei Termine auf einen Schlag abhacken.
Es hat aber auch so seine Vorteile, wenn der Schnee sich nur zähflüssig verabschiedet. Während im Unterland schon fleissig die Gärten umgegraben werden, können wir uns noch gemütlich zurück lehnen. Soll doch der Schnee rundum schmelzen, aber in meinem Garten darf er noch eine Weile liegen bleiben. Höchstens die Ecke mit dem Rattansofa hätte ich gerne schnellstmöglich trocken. Seit die Kinder gross sind und im Frühling nicht mehr so viel Schmutz ins Haus bringen, kann ich den April geniessen. Der April ist, für mich, der einzig ruhige Monat im Jahr. Da brauche ich keinen Garten der lockt. Auch die Waldränder dürfen ihren Schnee noch behalten. Über die Tannenzapfen und Lärchenäste kann ich mich noch lange genug ärgern.
Was nützen mir blühende Sträucher, Schneeglöckchen und Veilchen – das richt alles nach Arbeit. Im Mai ist dafür Zeit genug. Da fängt die Hektik wieder an und alles muss gleichzeitig geschehen. So aber kann ich mich gemütlich in meinen Sessel in die warme Sonne setzen. Ein gutes Buch in die Hand. Meine neue Sonnenbrille von „Vogue“ auf die Nase – das Leben ist perfekt. Das ist Frühling!
Der Rost der nagt und frisst...
Das waren noch Zeiten, als ich schneller als ein Rind im Galopp war!
Im Frühling wenn das Jungvieh das erste Mal auf die Weide durfte - sobald es auf die Alp ging. - oder im Herbst, als es von einer Weide zur andern zog, da war ich jeweils die Springerin. Ich deckte die linke und rechte Flanke. War immer voraus sperrte Seitenwege und offene Wiesen ab. Ich war schnell, flink und hatte meistens den Überblick.
Heute bin ich die Treiberin – oder besser gesagt: Ich schaue, dass ich den Viechern irgendwie nach komme. Dabei bin ich froh, wenn mein Mann vorne weg läuft. Er bremst die Tiere immer wieder, wenn’s möglich ist, ab. Ich weiss natürlich nicht, ob er selber auch schneller ausser Puste ist, oder ob er es tatsächlich aus Liebe und Rücksicht zu mir (wie er behauptet) tut. Auf alle Fälle bin ich ihm dafür sehr dankbar.
Unser Sohn kennt da keine Gnade. Er rennt einfach voraus, egal wie sehr ich hinten japse und hechle. Wenn ich dann am Ziel meine Lunge flöckchenweise raus huste, schaut er mich höchstens mitleidig an: „Na Mameli, deine Kondition lässt auch langsam zu wünschen übrig.“
Ich kann mich noch gut erinnern als sich meine Schweigermutter das Handgelenk brach. Sie wollte mit ihren 60 Jahren noch wie ein junges Reh über den Zaun hüpfen. Wir haben sie deswegen oft geneckt.
Heute denke ich häufig an sie, wenn ich vor einem Zaun stehe und darüber philosophiere was jetzt angebracht sei; rüber hüpfen oder unten durch kriechen. Ich habe dies in drei Stufen durchgemacht. Bis 40 flankte ich leichtfüssig über den Zaun, bis 48 nahm ich die Mitte und quetschte mich zwischen den Brettern oder Drähten hindurch. Heute bücke ich mich und krieche auf allen Vieren, in der Hoffnung niemand schaut mir zu, wie ich auf der anderen Seite keuchend wieder aufstehe.
Auch die Energie geht langsam auf Sparflamme. In jungen Jahren bügelte ich bis in die Nacht die Wäsche, putzte noch nebenbei schnell die Küche oder rannte kurz vor Einbruch der Dunkelheit noch schnell den Vita-Parcour ab. Heute stehe ich vor dem Bügelbrett und denke: „Soll ich mir das wirklich noch antun?“
Das Sofa lockt, besonders wenn mein Mann dort schon gemütlich in seiner Ecke sitzt, da lässt es sich so gut daneben kuscheln. Dreimal dürfen sie raten für was ich mich dann entscheide. Wie sagt man so schön: „Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.“ Bei mir ist nicht nur das Fleisch schwach sondern auch der Geist.
Das verrückte an der ganzen Sache: Es ist mir so was von egal. Wenn unser Sohn flink und blitzschnell das Vieh einsammelt, bewundere ich ihn – aber ohne Wehmut oder gar Eifersucht. Der Vita-Parcour lockt mich nicht im Geringsten. Und ich habe gelernt, dass Arbeit nie davon läuft und niemand nimmt sie dir weg. In meinem Leben habe ich viel geleistet. Wenn ich so zurück schaue, war es oft turbulent hektisch und stressig. Heute nehme ich mir die Freiheit viel öfters „Nein“ zu sagen. Alles ein wenig langsamer anzugehen – das ist das Privileg des Alters.
Mein Leben hat sich von einem sprudelnden Bach in einen ruhigen Fluss gewandelt. Und irgendwie finde ich das megacool. Ein ganz neues Lebensgefühl. So ein bisschen Rost ist gar nicht mal schlecht.
Wenn Ferien endlich Ferien sind...
Früher reiste ich jedes Jahr ein- bis zweimal mit den Kids in die Ferien. Wir fuhren ins Tessin, in den Europapark, an den Bielersee und ab und zu besuchten wir auch meine Eltern im Fricktal. Am heissesten waren unsere Velotouren. Zwei Tage, von Saragans an den Walensee bis Ziegelbrücke. Oder die fünf Tagen das Rheintal hinunter bis an den Bodensee, dem See entlang bis nach Kreuzlingen. Übernachtet haben wir jeweils in den Jugendherbergen. Von diesen Reisen wissen wir noch heute viele Geschichten zu erzählen. Mein Mann ging jedes Jahr alleine in die Ferien. Drei Wochen im Dienste der Heimat. Zwar ist der Wehrdienst eine ernsthafte Sache und hat überhaupt nichts mit „Indianerlis“ zu tun – sagt er - trotzdem behaupte ich; dass meine Ferien immer viel anstrengender waren als seine.
Ich liebte es mit unseren Kindern zu verreisen, aber ganz ehrlich – mit Ferien hatte dies nicht viel zu tun. Tapetenwechsel – ja, aber Ferien…!
Das fing schon bei der Hinreise an. Wichtig! Lesestoff, Kartenspiele und sehr viel Knabberzeugs einpacken. Essen war lebensnotwendig, Kinder die essen hangeln sich nicht von Abteil zu Abteil, spielen kein Fangen im Korridor und purzeln auch nicht kopfüber auf die nächste Sitzfläche neben die nette Dame mit kläffendem Pudel. Die Einführung eines Spielzugs auf der SBB-Strecke war für mich die Rettung. Für meine Nerven die reinste Wohltat. Ich musste keine Kinder mehr links und rechts, wie kleine Äffchen, von den Kofferablagen pflücken.
Fünf Kinder in Zaun zu halten mit nur zwei Armen, zwei Augen und schnelle Beinen – daraus müsste man direkt eine olympische Disziplin machen. Damals kam es mir gar nie so stressig vor, ich hatte ja auch meinen Spass daran.
Als Marco dann endlich seine Karriere beim Militär beendete und von da an mit uns in die Ferien musste/durfte erahnte ich im Ansatz was es heisst, das Wort „Ferien“. Es war himmlisch nicht mehr alleine für alles verantwortlich zu sein. Einmal auf einem Liegestuhl in Ruhe ein Buch lesen.
„Federball spielen? Fragt bap!“
„Marco, holst du mal Armon vom Baum, er kommt alleine nicht mehr runter!“
„Luftmatratze aufblasen? Geh zu bap der kann das besser als ich!“
Ja so liess ich mir die Ferien gefallen.
Trotzdem war es immer noch eine organisatorische Glanzleistung. Die Ferien mussten bis zur letzen Minuten verplant sein. Jeder Tag ein neues Event, etwas Tolles erleben und sehen. Wenn wir Zwei am Abend glücklich, zufrieden und total erschöpft im Bett lagen, tönte es vom Kinderzimmer her:
„Und was machen wir morgen?“
Je älter wir und die Kids wurden umso weiter klafften die Ferienwünsche auseinander. Nach unseren Vorstellungen waren Ferien: Etwas Ruhe, am Strand liegen, lesen, im Meer baden. Romantische Spaziergänge am Strand bei Sonnenuntergang. Kaffee trinken in einer kleinen Gartenwirtschaft und die vorübergehenden Menschen beobachten. Die Kinder wollten Action, Partys und den halben Tag verschlafen. Nachtaktiv wie die Eulen.
Dann kam er endlich – der Tag an dem uns unsere Kinder kleinlaut meinten:
„Müssen wir wirklich mit in die Ferien? Da ist echt nichts los!“
Wir scheinheilig:
„Ach wie schade! Wollt ihr sicher nicht mitkommen?“
Und im Stillen tanzten wir Rumba vor Freude.
Ich möchte keine einzige Ferienreise mit unseren Kinder missen, Sie haben uns als Familie viel gebracht und ich denke sehr gerne an sie zurück. Doch Ferien zu Zweit sind anders, das kann man nicht vergleichen.
Wir machen keine Reisepläne. Der neue Tag wird es schon bringen. Wir schlafen solange und soviel wir wollen, gehen dort hin wo es uns gefällt, unternehmen was Spass macht. Es gibt Tage da liege ich lieber am See oder am Pool, dann zieht Marco alleine los. Am Abend weiss er dann immer interessantes zu berichten. Wie ein Biobauer Rüebli jätet, Wo der Toscanerlandwirt den Sommer verbringt. Wieso es keine Landwirte in Saas Fee gibt. Er hilft den Strand putzen und in den Reben von Frankreich die Trauben ernten. Egal wohin wir reisen, in der Regel vergehen keine zwei Tage und Marco hat schon ein paar Berufskollegen gefunden. Es wird uns nie langweilig und wenn wir nach Hause kommen haben wir jedes Mal viel zu erzählen.
Unsere Ferien sind immer kleine Abendteuer, unter anderem weil wir nichts verplanen. Trotzdem sind sie das was sie eigentlich sein sollten – erholsam, gemütlich und machen unheimlich viel Spass.
Heute philosophierte Marco: Wenn man nur eine Woche in die Ferien geht weiss man zu Hause noch die kleinste Kleinigkeit. Mit zwei Wochen wird das schon schwieriger und das wäre schade. Da bin ich nicht seiner Meinung. Ich bin überzeugt, dass mir auch zwei Wochen Ferien im Gedächtnis bleiben.
Ein bisschen Romantik muss sein...
Es ist Brauch, dass man sich im neuen Jahr einen guten Vorsatz nimmt. Meiner ist: Offener und spontaner sein für Romantik.
Kurz vor Weihnachten hatten wir eine fantastische Vollmondnacht. Als Marco vom Stall kam und mir einen Vollmondspaziergang vorschlug, gingen mir in sekundenschnelle folgende Gedanken durch den Kopf:
- Welche Arbeiten sind noch nicht erledigt
- Wie sieht die Küche aus
- Was kommt im Fernsehen
Statt „Hurra! Liebend gern.“
Natürlich habe ich mich dann gleich warm angezogen. Der Sternenhimmel war traumhaft. Der Schnee glitzerte wie tausend Diamanten. Märchenhaft schimmerten die schweren, mit Eiskristallen überzogenen Äste im Mondlicht. Herrlich! Wir wanderten durch eine verzauberte Landschaft. Der Schnee knirschte unter unseren Schuhen, die warmen Lichter vom Dorf leuchteten zu uns hoch. Wir haben unseren Ausflug sehr genossen, obwohl ich unverhofft im Schnee landete (hmm… er kann’s einfach nicht lassen).
Aber meine vermaledeiten Anfangsgedanken gaben mir zu Denken. Bin ich schon so verkorkst, festgefahren und abgestumpft, dass ich nicht mehr empfänglich bin für Romantik. Ist meine romantische Ader irgendwo zwischen Windeln wechseln und Konfitüren einkochen verloren gegangen - verschollen im Nimmerleinsland?
Das war nicht immer so. Früher bevor wir geheiratet haben, spazierten wir stundenlang bis tief in die Nacht. Es gab (fast) nichts Schöneres als wir zwei alleine unter dem Sternenhimmel. Zugegeben: So ganz freiwillig waren unsere Wanderungen durch die Dunkelheit nicht. Wir mussten warten bis die Lichter in der Stube löschten, damit wir uns unbemerkt in Marcos Zimmer schleichen konnten. Aber das übersehen wir grosszügig, romantisch war es allemal.
Dann kam wohl der Alttagstrott. Fünf Kinder, Haus und Hof da war kein Platz mehr für Sentimentalitäten. Jeder Tag war vollgepackt. Wollte ich mit Marco in Ruhe reden, ging ich oft zu ihm in den Stall und hatte dort natürlich gleich einen Besen oder eine Gabel in der Hand. Zeit nur für uns zwei mussten wir uns stehlen.
Im Gegensatz zu Marco liess meine Spontaneität zu wünschen übrig. Ich hatte Skrupel die Kids einfach mal eine Stunde alleine zu lassen. Die Arbeit beiseite zu legen oder ganz einfach, ohne zu überlegen, „Ja“ zu sagen. Immer musste ich vorher noch x-Sachen organisieren und erledigen.
Heute könnte ich – es steht mir nichts im Weg – doch ich habe es verlernt. Und so blitzen mir jedes Mal wieder die unmöglichsten Gedanken durch den Kopf, wenn Marco wieder mit einer tollen Idee kommt, statt einfach „ja“ zu sagen und mich zu freuen.
Deshalb gelobe ich feierlich: Im neuen Jahr werde ich mir alle Mühe geben. Ich werde meine Romantik neu entdecken, sie auskosten und geniessen. Egal was mein Mann vorschlägt: Mondspaziergänge, Schlitten zu Zweit, Nächtliches Schwimmen im Pool, egal was…(es ist enorm was meinem Göttergatten so alles in den Sinn kommt) – ich bin dabei. Hoffentlich habe ich dann nicht gerade ein Chaos in der Küche.

