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Sonntagsgedanken

Sonntagsgedanken sind Gedankenfetzen die einem zufliegen. Wenn man eine Wanderung macht oder auch nur einen Spaziergang. Vielleicht beim rüsten von Kartoffeln oder Staubsaugen. Sie fliegen einem zu – in kleineren und grösseren Stücke – ohne Sinn und Zusammenhang. Die einen kommen und verschwinden sekundenschnell wieder, andere bleiben im Hirn - irgendwo ‚schubladiesiert’. Dann kommt es vor, dass ich an den PC sitze und die Schubladen öffnen sich und fliessen in meine Arme, Finger, Tastatur auf den Monitor – eine Geschichte entsteht – das sind Sonntagsgedanken.

Die Arve (skurril)

Mein bestes Stück steht in meinem Schlafzimmer. Gezimmert aus der Arve die hinter unserem Haus stand und meine Kindheit begleitet. Ich war achtzehn Jahre alt, als ein starker Sturm wütete. Leider das Todesurteil für meine Arve. Ich weinte als sie krachend zu Boden fiel. Wie viel Kraft und Energie, selbst noch als Bett, in ihr steckte, wurde mir erst später auf magische, unheimliche Art bewusst.
Meine Jugend war sehr turbulent, ich hatte viele Freunde, war immer unterwegs. Dann trat Carlo in mein Leben. Liebe? Ich glaube nicht; er war cool, smart und unglaublich sexy. Vor allem aber – alle meine Freundinnen beneideten mich um ihn. Natürlich landete er in meinem Bett.
Spät in der Nacht holte ich mir ein Glas Wasser, setzte mich ans Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Vermutlich war ich kurz eingedöst - plötzlich schreckte ich auf, ein Schrei gellte durch das Haus…

Lautlos wuchsen Äste aus dem Bettrahmen, rankten sich rasch empor, schlagen sich um Carlos Arme und Beine. Arvennadeln wuchsen, spitz und lang, bohrten sich durch seinen Körper Schlingpflanzen schnürten die Brust. Harz tropfte ins Haar, klebrig in dicken Tropfen. Am Kopfende wuchs ein Wipfel mit schweren Arvenzapfen. Ein Sturm kam auf, heulend pfiff er durchs Geäst, Regen peitschte in sein Gesicht. Wie auf Kommando prasselten alle Arvenzapfen auf Carlo hinunter. Dies weckte ihn auf und er schrie…

Im Schlafzimmer war es dunkel, leicht bauschte der Wind die Vorhänge. Carlo starrte mich an, kreideweiss, sein Körper zitterte wie im Fieber. Er faselte von mörderischen Ästen und messerscharfen Nadeln. Halbnackt, wie von Teufel gehetzt floh er aus meiner Wohnung. Ich zweifelte an seinem Verstand. Am andern Morgen fand ich beim Aufräumen den abgebrochenen Ast einer Arve unter dem Bett.
Carlo habe ich nie wieder gesehen. Schon drei Tage später verunglückte er tödlich. Er fuhr wie immer viel zu schnell, Alkohol war auch im Spiel. Seine neue Freundin sass neben ihm, er nahm sie mit in den Tod…

Am siebten Tage sollst du Ruhn

Am siebten Tage sollst du ruhen – so steht es in der Bibel geschrieben.
Ich stehe mitten auf der Wiese, die Sonne brennt und die Junikäfer krallen sich an mir fest, überall krabbeln die lästigen Biester und ich schüttle sie unwirsch weg.
Vom Dorf her erfüllt das Leuten der Glocken das Tal. Die Kirche ruft zur Sonntagspredigt. Mich rufen sie vergebens, den ich stehe hier auf der Wiese, zieh meinen Rechen durch das Heu - Zug um Zug bis der Hang flach genug ist für die Maschinen.

Ich muss zugeben wäre ich jetzt im Tal, würden die Glocken auch vergebens rufen. Aber wenigstens säße ich im Garten, gemütlich im Schatten der Laube mit einem Buch in der Hand. Immerhin befolgte ich die Weißung der Bibel; "am siebten Tage sollst du ruhen".

Meine Schwiegermutter ließ es nie zu, dass am Sonntag gemäht wurde. Das Heu holen wenn ein Unwetter droht das war erlaubt, aber nur wenn es wirklich nicht anders ging. Sitten und Bräuche lockern sich, bald durfte am Sonntag das Heu eingebracht werden ob’s schön war oder nicht, nur mähen war noch immer tabu. Mein Mann und seine Kollegen fingen an am Sonntag jene Wiesen zu mähen, die man vom Dorf aus nicht sehen konnte. Inzwischen muckt nicht einmal mehr der Herr Pfarrer, wenn die Motormähmaschinen am Sonntag rattern und brummen.

Ich ergebe mich meinem sonntäglichen Schicksal und reche fleißig weiter, eine Maus rennt mir über meinen nackten Fuß. Riet unser Sohn mahnt mich immer:
„Du musst sie verstampfen, sie richten großen Schaden an.“
Aber wer will schon auf so ein niedliches Wesen treten, schon gar nicht barfuss und erst recht nicht an einem Sonntag. Da schau ich lieber weg und tu so als ob ich nichts gesehen hätte.

Im Oberhalbstein ist es noch heute verpönt am Sonntag zu mähen. So wird am Samstag bis in die Nacht das Gras geschnitten, damit am Sonntag keine Langeweile aufkommt. Wie man’s dreht und wendet soviel heiliger ist dieses Tun auch nicht. Unsere Großväter wären vor seine Hochwürden zitiert worden, mit dem Höllenschlund wurde ihnen gedroht, unsere Männer lässt man ungeschoren weitermähen. An die Hölle glauben sie eh nicht und nur um dem Herr Pfarrer eine Freude zu machen gehe man nicht in die Kirche, dies sei nicht der Sinn der Sache.

Das Bord ist hier so steil dass ich hineinknien muss. Früher fand ich hier oft Vogelnester mit hübschen blau gesprenkelten Eiern. Sorgfältig deckte ich sie jeweils wieder zu. Meistens saß die Vogelmutter in der Tanne die mitten auf der Wiese steht und zeterte empört. In den letzten paar Jahren scheinen die Vögel klüger geworden zu sein, oder die Mähmaschine hat sie gründlich zermalmt, dies würde mir leid tun.

Ich bin ja nicht die einzige die dieses Gebot Christi nicht beherzigt. All die Menschen im Dienstleistungsbetrieb. Schließlich wollen diejenigen die das Gebot beachten auch dafür belohnt werden. Man geht fein Essen, macht eine hübsche Reise oder setzt sich in den Garten und ließt die Sonntagszeitung. Damals als sich unser Sohn Men ausgerechnet an einem Sonntag anschickte das Licht der Welt zu erblicken, waren wir auch froh, dass im Spital jemand anwesend war. Zuletzt möchte ich auch noch erwähnen dass unser Herr Pfarrer (fast) ausschließlich am Sonntag arbeitet.

Ich leg den Rechen auf die Seite und setze mich auf die gemähte Wiese. Das Heu duftet nach wildem Kümmel und Thymian. Vor mir liegt das Dorf friedlicher und ruhiger als an einem Werktag, nur unterhalb unserer Wiese im Schwimmbad da wird gelacht und geplanscht. Eine Fliege surrt mir um den Kopf, auch sie scheint keinen Sonntag zu kennen, frech peilt sie mein Gesicht an, ich duck mich weg.

Sonntag muss auch nicht gleich Sonntag sein. Auch an einem Montag kann man ruhen. Außer der Wäscheberg ist so groß wie bei mir zu Hause. Es muss auch kein Montag sein, vielleicht Dienstag oder Mittwoch. Mir kommen die 120 Liter Sirup in den Sinn die ich noch abkochen und abfüllen muss. Die Buchhaltung wäre auch wieder fällig und der Garten gleicht einem Urwald. So gesehen habe ich es hier auf der Wiese viel gemütlicher als zu Hause, rechen tu ich allemal lieber als jäten. Meine Stimmung hebt sich, ich greif nach dem Rechen und wende mich wieder meiner Arbeit zu.

Irgendwann wenn alles Heu im Tenn ist, die Gerste gedrescht, die Kartoffeln im Keller und die Arvenzapfen im Schnaps liegen – ja dann werde auch ich am Sonntag ruhen.

Holzkreuz im Sonnenuntergang

Unterhalb Stuls in Pela steht ein alter Heuschober. Früher wurde hier das Heu zwischengelagert. Zu Hause war der Heustall meist zu klein für alles Heu, außerdem war es praktisch ein Heuschober mitten auf der Wiese. Keine lange Fahrt nach Hause und das Heu war schnell eingeführt. Im Winter hatte man genug Zeit um ein Paar Heutücher zu füllen und auf dem Schlitten nach Hause zu ziehen.

Der Heuschober wird heute nicht mehr gebraucht, das Blechdach rostet und rundum wuchern Brennnesselstauden. Hinter dem Heuschober, angelehnt an die morschen Balken, liegt ein Holzkreuz. Ein Kreuz wie es oft zu finden ist an Feld- und Wanderweg. Sie mahnen zum stillstehen und beten, zum kurzen Verweilen oder auch einfach ein Fingerzeig - Gott ist überall und allgegenwärtig.
Selten stehen die Holzkreuze ohne Grund an einem Weg, meistens steckt eine kleine oder große Geschichte dahinter. So auch bei diesem Kreuz, nur ist sie etwas ungewöhnlicher, abstrakter als bei anderen.

Unser Kreuz stand ursprünglich etwas weiter oben neben einem großen Stein, ein paar Meter weiter geht es fast senkrecht ins Tal hinunter. Der Bergünerstein ist zu sehen, Ava-lungia und Bellaluna ein altes Erzwerk. Rechts ist der Blick frei, winzig klein sind die Dörfer Alvaneu und Schmitten zu sehen. Geradeaus versperrt das mächtige Felsenmassiv der anderen Talseite die Weitsicht.
Vor ein paar Jahren zog Hollywood in Bergün ein. Ein 'Soap' wurde gedreht, DRS zusammen mit ZDF. "Die Direktorin" hieß der Film und handelte von einer Tourismusdirektorin. Bergün wurde kurzerhand in Madruns umgetauft. Das ganze Dorf war irgendwie involviert.

Unser Holzkreuz hatte eine bescheidene doch sehr eindrückliche Rolle. Ging's der Direktorin nicht so gut, oder beschäftigten sie ernsthafte touristische Probleme, setzte sich die gute Frau auf den Stein neben dem Kreuz und schaute auf Bergün alias Madruns hinunter. Nunja wie schon erwähnt kann man von diesem Punkt aus nicht auf Bergün sehen, aber Hollywood macht's möglich.

Als es wieder ruhiger wurde und Madruns wieder Bergün hieß (die Ortstafel Madruns wurde übrigens geklaut) blieb das Holzkreuz einfach dort stehen, vergessen, einsam und stoisch stand es da mit Blick gegen den Sonnenuntergang.
Nun hätte das Kreuz noch lange so dastehen können, gestört hat es niemand, uns kam es beim mähen nicht in die Quere und Gras fraß es ja auch keins. Ein bescheidenes Dasein – oder nicht?

In Stuls hat sich vor ein paar Jahre eine religiöse Gemeinschaft niedergelassen; sie empfanden das Kreuz als Gotteslästerung - kein Mensch begriff wieso - Himmel und Hölle wurden bewegt bis die Stulser das Kreuz ausgruben und hinter unseren alten Holzschober legten. Seither liegt es dort und modert vor sich hin. Jedes Mal wenn ich den Hügel ausreche sehe ich auf das Holzkreuz hinunter. Irgendwie tut es mir leid, wie es so daliegt ohne Blick in die Weite. Ich wollte das Kreuz auch schon wieder aufstellen, denn inzwischen gehört die Wiese uns, doch mein Mann meint das ziehe nur unnützen Ärger auf sich. Und so liegt es halt immer noch dort.

Die Hoffnung besteht dass der Heuschober Wind und Wetter nicht mehr lange stand hält, fällt er in sich zusammen öffnet sich der Blick ins Tal wieder für das alte Holzkreuz. Brett um Brett werden wir abtransportieren und verbrennen, aber das Holzkreuz lassen wir dort. Unten am Felsen wird es stehen mit Blick gegen den Sonnenuntergang.


Mein Liegestuhl - Sommer 2007

In unserem Garten steht ein Liegestuhl. Mitten auf dem Rasen unter den Zweigen eines Ahorns. Blau glänzt er, das Polster ist weich und angenehm. Er steht einfach da in stoischer Ruhe. Es geht keinen Zwang von ihm aus, keine Ungeduld.
Im Frühling habe ich ihn bekommen. Eine Freundin von mir wollte ihn los sein, weil das Gartenhäuschen zu klein war für so ein sperriges Ding. Zum Glück haben wir ein grosses Auto, so passte der Liegestuhl ohne Problem hinein. Meine Vorfreude ihn zu Hause zu geniessen war gross. Liebevoll platzierte ich ihn unter dem Baum. Die Zweige würden mir Schatten spenden der Zaun im Hintergrund mich vom Wind schützen. Ich sah mich schon genüsslich auf dem weichen Polster rekeln, mich in ein Buch vertiefen und neben mir griffbereit eine Flasche Mineralwasser.
Seither sind jetzt schon fast fünf Wochen vergangen. Zwar speede ich immer wieder an ihm vorbei, giesse die Blumen oder hänge Wäsche auf. Doch die Zeit um ihn zu nutzen habe ich noch nicht gefunden.
Ab und zu klopfe ich das Poster aus, wische lästige Ameisen, Spinnen und sonstiges Getier ab. Oder ich leg das Poster auf den Stuhl unter die Laube um es vor dem Regen zu schützen. Sobald die Sonne wieder scheint, drapiere ich die Liegematratze wieder auf den Stuhl, damit er bereit ist wenn ich ihn brauche.
Bis jetzt hat er vergebens gewartet. Es ist nicht so, dass ich mich deswegen ärgere - bestimmt nicht! Er ist ja da, rennt nicht fort. Er schreit auch nicht: Setz dich endlich! Er fängt nicht an zu modern oder fällt sogar zusammen – nein, nein! – er steht einfach unter dem Ahorn und wartet auf mich.
Es ist schön einen Liegestuhl im Garten zu haben. Auch wenn ich ihn nicht gebrauchen kann, so lebe ich doch in der Gewissheit „Ich könnte, wenn ich wollte“! Und das ist ein tröstliches Gefühl.


Januar 2009

Treffpunkte

Treffpunkte gibt es in tausenden Variationen. Oft sind sie uns nicht einmal bewusst. Wenn ich da an die Lebensmittelgeschäfte denke, den Bus oder auch die Eisenbahn. Wir Menschen lieben die Gewohnheiten, bauen uns viele kleine Rituale in unserem täglichen Dasein auf. So kaufen wir oft zum selben Zeitpunkt ein, nehmen denselben Bus oder gehen immer zur gleichen Zeit auf den Zug. Dort treffen wir immer wieder auf dieselben Mitmenschen.
Während ich zu Hause in unserem Restaurant arbeitete, war der Stammtisch der Treffpunkt vieler Gäste. Zum Beispiel Erhard und Martin. Jeden Abend kamen sie, kurz vor dem Nachtessen, auf ein Bier vorbei. Zu einer Uhrzeit da normalerweise kein Mensch im Restaurant sass - ausser die Beiden. Erhart trank eine Stange, Martin wollte immer eine Flasche Bier ohne Glas. Sie konnten eine halbe Stunde neben einander sitzen, ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Das tönte dann so:
„Hoi!“
„Sali!“
Zwischendurch mal ein Husten, ein Grunzen, dann wieder:
„Tschau!“
„Schöne obig!“
Das war der ganze abendliche Dialog zwischen Erhard und Martin. Echt – so was können nur Männer. Aber wenn einer mal nicht kam, wurde der andere gesprächig: Ob er wohl krank ist, eine Grippe gehe ja um.
„Hast du nichts gehört?“

Die spannendsten Treffpunkte sind die auf den Bahnhöfen. Besonders der in Zürich. Da könnte ich mich hinsetzen und den ganzen Tag das Kommen und Gehen geniessen.

Mitte Januar erlebten Marco und ich einen ganz speziellen Treffpunkt. Das Bahnhofbistro von Muttenz. Wir waren in Basel zum Essen verabredet, wollten aber nicht in die Stadt fahren. So haben wir unser Auto in Muttenz am Bahnhof parkiert, um mit dem Zug weiter zu reisen.
Das Bistro war nicht gross, nur vier kleine, runde Tische und ein paar Stühle. Wir merkten schnell dass sich hier fast alle untereinander kannten. Drei ältere Damen und ein Ehepaar mit ihren Hunden, die sich hier wohl täglich zum morgendlichen Kaffee trafen. Im selben Moment als wir uns setzten, gehörten wir dazu und wurden im Gespräch mit einbezogen. Es war eine fröhliche Runde. Besonders die eine Szene war spannend und äusserst amüsant:
Zu den drei Damen gesellte sich ein rüstiger Rentner. Schon als er das Bistro betrat stand eine der Damen auf, holte einen Stuhl und rückte ihn zurecht, so dass der Herr sich setzen konnte. Eine andere Frau des Trios machte sich auf zur Theke und kam mit einer Tasse Kaffee für ihn zurück zum Tisch. Das ganze spielte sich in einer wunderbaren Selbstverständlichkeit ab.
Ich schaute Marco an und wusste, dass ihm die gleichen Gedanken wie mir durch den Kopf gingen. Denn mein Göttergatte fing an wie ein Honigkuchenbär über das ganze Gesicht zu strahlen. Sein Highlight des Tages:
Egal was kommen mag in den Wirren des weiteren Lebens, eines wird sich nie ändern - kaum trifft Mann auf Frau sind die Rollen verteilt. Der Mann setzt sich, die Frau rennt los…!
Treffpunkte sind was Herrliches!!!