Kurzgeschichten
Johanns Spiel mit dem Tod
Vor vier Jahren bekam Lena zum Geburtstag einen Hahn geschenkt. In einem Weidekorb voll Stroh. Winzige schwarze Knopfaugen guckten nervös umher. Ein prächtiger Gockel. Ihr Sohn meinte stolz: „Das ist ein Braham, ursprünglich kommt diese Rasse aus Indien, wäre er ein Huhn würde er gelbrote Eier legen.“
Ah, ein Braham und gelbrote Eier - zum Glück war er kein Huhn. So ging es Lena durch den Kopf. Lena war skeptisch, sie musterte ihren Sohn heimlich von der Seite… war da nicht ein amüsiertes Aufflackern in seinen Augen zu erkennen.
Jahrelang hatte sie sich vehement geweigert, ihre Hühner unter die Herrschaft eines Hahns zu stellen, obwohl dies im biologischen Anbau Vorschrift war. Da konnte der Biokontrolleur noch so argumentieren, Lenas Hühner waren auch ohne Hahn glücklich, davon war sie überzeugt.
Doch der Hauptgrund war; die Viecher wurden oft gehässig und böse im Alter.
Johann, so nannte Lena den Gockel, wurde ein stattlicher Hahn mit goldener Halskrause, Bauch und Schwanz waren schwarz gefiedert und die Flügel leuchteten in einem satten Rot. Nur der Kamm war nicht so imposant wie bei anderen Rassen. Erbsenkamm nenne man so was - dies hatte Lena irgendwo gelesen.
Leider bewahrheiteten sich Lenas Befürchtungen. Eines Tages griff Johann an, und sie musste fluchtartig das Gehege verlassen.
Lena war ratlos. Grübelnd stand sie vor dem Hühnergehege. Hatte nicht Onkel Max letzthin etwas von einem Besen erzählt?
Lena griff sich einen Reisigbesen, atmete tief durch und öffnete das Gehege. Ohne Umschweif ging sie auf Johann zu und versuchte ihm mit dem Besen über den Rücken zu streichen, dieser duckte sich und huschte weg. Sie versuchte es noch einmal, schlich sich langsam von hinten an und schon war das Biest wieder weg. Nach dem fünften Versuch gab sie es auf, wechselte das Wasser, schüttete das Futter in den Trog - immer mit lauerndem Seitenblick, den Besen bereit, um dem Gockel auszutricksen. Johann beobachtete sie mit derselben Aufmerksamkeit. Lena verleidete es: „Du blödes Vieh“ rief sie und warf dem Gockel den Besen nach. Natürlich daneben. Schimpfend stapfte Lena zum Besen. Als sie sich bückte um ihn aufzuheben, sprang Johann sie von hinten an, krallte seine Fängen in Lenas ausgestrecktes Hinterteil, flatterte aufgeregt mit den Flügeln und hieb den Schnabel in ihren Rücken. Lena erwischte den Gockel an seinen Beinen und schleuderte ihn in die hinterste Ecke des Geheges. Dieser blieb einen Moment liegen, schüttelte sich, plusterte sein Gefieder und rannte los - doch Lena war schon verschwunden.
„Hau dem Gockel doch den Kopf ab.“ Blutrünstig schwang Kati, Lenas jüngste Tochter, das Holzbeil. Der Gedanken war verlockend und hatte durchaus seine Berechtigung, doch dann verwarf sie ihn wieder. Nicht nur das Johann einer seltenen Rasse angehörte, er war auch ein Geschenk und Geschenken schlägt man nicht einfach so den Kopf ab. Ausserdem war sie nicht erpicht auf eine erneute Auseinadersetzung mit dem Biokontrolleur, die dieses Vorhaben unweigerlich hervorrufen würde.
Lena ging zum Nachbar Curdin. Dieser hatte über hundert Hühner und mehrere Hähne. Im Hühnergehege herrsche die Diktatur, meinte er sinnend während er seine Pfeife stopfte. Der stärkste Hahn jage die anderen solange durch die Gegend, bis diese ihn als Chef akzeptierten. „Ist ja interessant…“, dachte Lena.
Spät am Abend als Lena sicher sein konnte, dass niemand sie beobachtete, marschierte sie mutig in das Hühnergehege, stellte sich vor Johann hin und drohte: „Dir will ich jetzt zeigen wer der Chef ist im Hühnergehege.“
Der Gockel zuckte aufgeregt mit dem Kopf hin und her. Lena legte die Arme wie Flügel an den Oberkörper, fing an mit den Füssen zu scharren, bückte sich leicht nach vorn und rannte gackernd auf Johann los. Dieser machte rechtsumkehrt und ergriff die Flucht. Die Hühner stoben auf alle Seiten. Das war ein Radau, Hühner rannten gackernd von einem Ort zum andern, Lena gackerte am lautesten und Johann gackerte mordio.
Siegesgewiss verliess Lena das Hühnergehege.
Am anderen Tag hackte Johann Lena ins Bein.
„Der Hahn muss weg!“
„Lena, du wirst doch mit so einem kleinen Hahn fertig, da genügt ein kräftiger ‚Sparz’ ins Hinterteil.“ Gion, Lenas Mann, zog die Stallkleider über und verschwand.
„Der Hahn muss weg!“
„Ach, Mama wegen so ein paar kleinen ‚Pickser’ - na gut, aber später, hab gerade mit Kollegen abgemacht.“ Luka, Lenas ältester Sohn, schlüpfte in die Jacke und verliess das Haus.
An diesem Abend jagte Lena Johann von der Stange. Schloss die Tür hinter ihm zu und liess ihn alleine im Auslaufgehege.
„Soll dich doch der Fuchs holen!“
Mitten in der Nacht erwachte Lena: Was soll der Krach hinter dem Haus, was war da los? Siedendheiss durchfuhr es sie – der Hahn! In der Dunkelheit tastete Lena nach ihrem Mann, sein Bett war leer. Lena ahnte Fürchterliches. Nicht lange darauf war Flüstern zu hören, Gekicher und schlurfende Schritte. Gion öffnete leise die Tür und schlüpfte wieder ins Bett. Er schupste Lena an und raunte stolz:
„ Lena, Lena hörst du! Der Fuchs wollte deinen Hahn holen, aber Sohnemann und ich haben ihn vertrieben!“
Leise vor sich hin fluchend kehrte Lena ihrem Mann den Rücken zu.
Lenas beide Männer arbeiteten im Hof, sie revidierten die Maschinen. Gion lag unter dem Traktor, Luka schmierte den Bandheuer.
Lena stand im Garten und beobachtete die Beiden. Sie gaben ein friedliches Bild ab, ob sie die Idylle ein wenig trüben sollte? Rabenschwarze Gedanken bewölkten Lenas Gemüt. Es wäre interessant zu beobachten, wie tapfer ihre zwei Helden sich wehren konnten. Sie schlich zum Hühnergehege, öffnete die Tür, versteckte sie sich in der Remise und harrte der Dinge die da kommen.
Zuerst kam Lisa, die neugierigste von allen Hühner, dann Helga, ihre Freundin. Bald war der ganze Hühnerstall unterwegs, scharte im Garten, pickte den frisch gesetzten Salat und nahmen ein ausgiebiges Sandbad im alten Sandkasten. Langsam wurde es Lena ungemütlich, schon wollte sie die ganze Schar wieder ins Gehege zurück jagen, da stolzierte Johann majestätisch zu seinen Hühnern. Nervös zuckte sein Kopf - was war hier los? Aufgeregt versuchte er seine Hennen zu sammeln. Er inspizierte den Hof, suchte nach versteckten Gefahren und sah Gions Beine, die sich immer wieder bewegten.
„Jetzt, jetzt“, murmelte Lena schadenfreudig.
Johann schwang sich Flügel schlagend auf das linke Bein und hieb in das rechte. Ein Schrei, ein Fluch – fast tat Gion Lena leid.
Luka, aufgeschreckt, kam angerannt und verpasste dem Hahn einen Tritt. Johann purzelte in einen Brennnesselbusch, rappelte sich wieder hoch, plusterte sein Gefieder und krähte zum Angriff. Gion und Luka retteten sich in die Garage und schoben das Tor vor.
Lena kam aus ihrem Versteck, klatschte die Hände zusammen und rief scheinheilig:
„Ach herrje, die Hühner sind los, schaut doch, was sie mit meinem Garten angerichtet haben! Husch, husch Mädchen ab mit euch in den Hühnerstall!“
„Und nimm den Hahn auch gleich mit!“ Tönte es aus der Garage.
Mit gespieltem Erstaunen drehte sich Lena um.
„Ach, was macht ihr in der geschlossenen Garage? Habt ihr etwa Angst vor so einem kleinen Tier, da genügt doch ein gehöriger ‚Sparz’ in den Hintern.“
„Du kannst gut reden, er hat mich ins Bein gehackt!“ Gion schob das Tor einen Spalt weit auf.
„Ach… wegen so ein paar kleinen Pickser!“ lachte Lena laut auf. Wie brave Lämmer liessen sich die Hennen, samt Johann, von Lena ins Hühnergehege zurück treiben. Denn inzwischen ist Lena fündig geworden: Ein alter, hässlicher Besen, die Ruten standen in alle Himmelsrichtungen – seltsamerweise hatte das Federvieh einen horrenden Respekt vor dem Ding.
Seit diesem Tag herrschte Lena uneingeschränkt als Obergockel im Hühnergehege.
Komm Annina tanz mit mir...
Annina packte ihre wenigen Sachen sorgsam in einen wollenen Schal. Ein Letztes mal ließ sie ihren Blick durch das Zimmer gleiten. Drei Betten standen dicht zusammen, gefüllt mit einer Strohmatratze, als Decke dienten Schaffelle. Hier hatte sie sechzehn Jahre mit ihren zwei Schwestern geschlafen, hatten gelacht und geweint, Geheimnisse ausgetauscht, Streiche ausgeheckt.
Wehmütig streichelte sie über das Schaffell. Noch nie war sie länger als ein Tag von zu Hause fort. Jetzt war sie erwachsen, Zeit ihr Leben selber in die Hand zu nehmen. Beim Grafen unten im Tal, war eine Stelle als Küchenmagd frei. Ihre Tante hatte ihr diese Stelle vermittelt. Annina tauchte ihre Fingerspitzen in das Weihwassergefäß, schlug ein Kreuz und verließ den Raum.
Vor dem Haus saß Nesa ihre Schwester auf dem Brunnenrand. Eine Schüssel mit Butter auf dem Knien. Kräftig knetete sie die Butter durch, leerte das milchigweiße Wasser ab und füllte die Schüssel unter dem Brunnenhahnen wieder neu.
„Knete sie tüchtig, das Wasser muss zuletzt fast klar sein. Bleibt zuviel Buttemilch zurück wird die Butter schnell ranzig.“
„Ich weiß, aber Mutter will sie einsieden, da spielt es keine Rolle.“
„Denkst du daran den Käse jeden zweiten Tag abzuwaschen? Nur oben, die Fläche die auf dem Brett liegt darf auf keinen Fall nass werden.“
„Ja, Ja Schwesterlein und ich werde nur einmal in der Woche dem Wasser Salz zufügen. Ansonsten nur ein wenig Weißwein. Die Kräuter hänge ich im Schatten auf, die Limonade habe ich vor zehn Minuten kontrolliert.“ Nesa lachte über das ganze Gesicht.
„Ach, der Abschied fällt mir schwer. Du musst meine Arbeit auch noch übernehmen, wird es dir nicht zuviel?“
„Ich werde es schon überleben.“ Nesa stellte die Schüssel auf die Seite und umarmte ihre Schwester.
Zusammen gingen sie hinter das Haus. Die ganze Familie war schon an der Arbeit.
Das erste Gras wurde gemäht. Der Vater und ihr älteste Bruder ließen die Sensen durchs hohe Gras gleiten. Rhythmisch wie eine Melodie, Zug um Zug mit leisem Zischen. Die Mutter verzettete das Gras mit einer Gabel. Die beiden Jüngsten mühten sich mit den Heinzen ab. Bald wird das angetrocknete Gras auf diesen Holzgestellen aufgeschichtet, bis es trocken genug war, um es in Heutücher zu binden und vom Vater in den Heuschober getragen zu werden.
Für eine kurze Zeit musste die Arbeit ruhen. Alle kamen um sich von Annina zu verabschieden. Ihr Glück zu wünschen und eine gute Reise. Mutter trocknete sich eine Träne aus den Augen. Auch dem Vater war es klamm ums Herz.
Anninas Augen schweiften noch einmal über ihre Heimat, das Haus, der Garten, die Schaukel an der alten Linde, der Brunnen vor dem Haus. Sie trank alles in sich hinein. Wie weh tat es ihr, all dies zu verlassen. Mit einem leisen Seufzen wendete sie sich dem Tal zu.
Das Leben in der Küche war hart, Freizeit gab es selten. Annina war es gewohnt anzupacken und ihr fröhliches Wesen half ihr den Tag zu bewältigen.
Auch Tom, einem kräftigen Burschen, gefiel dieses hübsche Mädchen sehr, wann immer er konnte suchte er ihre Nähe. Viel Zeit gab es nicht, da er als Knecht auf dem Gut angestellt war, musste auch er oft bis in die Nacht arbeiten. Doch für Annina war Tom nur ein guter Freund. Wohl nahm sie seine schmachtenden Blicke wahr, doch die amüsierten sie nur. So schnell wollte sie sich nicht binden.
Am Abend nach getaner Arbeit, setzte sie sich am liebsten auf die Bank neben dem Kräutergarten. Umweht vom Duft des Jasmins, Zitronenmelisse, Thymian und Liebstöckel. Ein großer Ahornbaum spendete Schatten. Oft schloss sie die Augen und genoss die Stille.
Es war ein besonders schöner Abend als sie ihm zum ersten Mal begegnete. Als Annina die Augen öffnete, stand er vor ihr. Die untergehende Sonne in seinem Rücken tauchte ihn in helles Licht, was ihn unwirklich erscheinen ließ. Zuerst dachte sie zu träumen, doch seine Stimme war zu real.
„Wie heißt du?“
„Annina.“
„Arbeitest du hier?“
„Ja, in der Küche und du?“
Er lächelte nur, nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich fort.
„Komm, wir gehen spazieren.“
„Wir dürfen nicht in diesen Teil des Gartens! Nur die gräfliche Familie und der Gärtner.“
„Ach was, sei keine Spielverderberin, der Graf ist nicht zu Hause, wer soll uns schon erwischen.“
Allzu gerne ließ sie sich überreden. Der Garten musste wunderschön sein, die Neugier stach sie schon lange, doch ihr Mut ließ es bis anhin nicht zu, den Garten zu erforschen. Nicht in ihrem schönsten Traum hätte sie sich ausgemalt, was sie erwartet. Verschiedene marmorne Springbrunnen und Wasserspiele zierten den Garten. Rosensträucher, Lupinen, Malven und Rittersporn farbenprächtig und Sinnesberauschend. Birken und Trauerweiden spendeten Schatten, Mitten drin stand ein weißer Pavillon umrankt von Weintrauben. Sie breitete die Arme aus, lachte und drehte sich im Kreise.
„Wie wunderschön es hier ist!“
Der junge Mann faste sie um die Taille.
„Komm Annina tanz mit mir!“
Sie jauchzte und ließ sich von ihm herumwirbeln. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so amüsiert. Federleicht tanzten sie durch den Garten. Die Musik dazu zwitscherten die Vögel, plätscherte das Wasser, flüsterte der Wind.
Nun trafen sie sich fast jeden Abend. Von weitem rief er ihr zu:
„Komm Annina tanz mit mir!“
Tom nahm sie beiseite und warnte:
„Weißt du mit wem du tanzt? Es ist Eduard der Sohn vom Grafen, er spielt nur mit dir, Mach dich nicht unglücklich.“
Doch da war es schon zu spät. Viel zu sehr hatte er ihr Herz schon gefangen. Schon am morgen früh fieberte sie dem Abend entgegen. Sie konnte es fast nicht erwarten seine Stimme zu hören.
„Komm Annina tanz mit mir!“
Es war ein schwüler Tag. Er drückte aufs Gemüt, ließ die Glieder matt werden. Die Köchin war launisch, nichts konnte Annina ihr recht machen. Den ganzen Tag hobelten sie den Einschnittkohl. Lageweise wurde er mit Salz in einen hohen Steinguttopf gefüllt. Die Köchin stampfte das Kraut mit einem Holzknebel.
„Beim Stampfen musst du an die Männer denken“, murrte sie, laut genug, dass es der Page der in der Küche herum lungerte hören konnte. Dieser verzog sich schnell. Verfolgt vom kehligen Auflachen der Köchin.
Annina war froh, als endlich der Abend einbrach. Ihre Muskeln schmerzten von der harten Arbeit. Sie war müde und erschöpft.
Dicke Wolken zogen sich zusammen, schon war fernes Donnergrollen zu hören. Annina schaute gegen den Himmel, der Wind frischte auf. Die Bäume neigten sich unter seiner Gewalt. Suchend schaute sie sich um, ob Eduard kommen würde? Sie war sich nicht sicher, oft saß sie unter dem Ahorn bis es dunkel wurde, wartete auf ihn, enttäuscht ging sie dann in ihre Kammer. Aber an diesem Tag hatte er es fest versprochen.
Endlich tauchte er auf. Arm in Arm zogen sie los, in den verbotenen Teil des Gartens.
Der Wind verstärkte sich Sturmböen jagten über das Land. Sie rissen an Anninas Kleider und Haaren. Sie breitet die Arme aus und jauchzte.
„Wie schön, ich liebe den Fön, er ist so warm und durchdringend. Schau, wenn ich die Arme ausbreite, dann habe ich das Gefühl ich fliege.“
„Dann fliege meine Taube, bis zu den Wolken, ich werde dich einholen.“
„Ja fliegen, soweit der Wind uns trägt, bis hinauf in die Berge, immer weiter, nur wir zwei.“
„Wir könnten machen was wir wollten. Unser Nest bauen wo immer es uns beliebte.“
Wie kleine Kinder lachten sie, unbeschwert, verliebt und glücklich. Plötzlich war es windstill, kein Blatt raschelte, kein Grashalm neigte sich, nur die Vögel zwitscherten immer noch. Der Regen stellte sich ein. Zuerst einzelne Tropfen, doch schnell prasselte es sintflutartig auf sie nieder. Im nu waren sie durchnässt. Eduard nahm die Hand von Annina und lief auf den Pavillon zu, wo sie schützender Unterstand fanden. Annina tropfte das Wasser aus den Haaren über das Gesicht. Ihre Kleider klebten am Körper. Eduard strich ihr lachend eine nasse Locke hinter die Ohren. Die leicht Berührung ließ sie erschauern. Er stand ganz nahe bei ihr, seine Arme um ihre Hüfte geschlungen. Annina erschrak vor der Leidenschaft die aus Eduards Augen sprangen. Stöhnend senkten sich seine Lippen auf ihren Mund und fanden sich zum ersten Kuss.
Annina war unbeholfen doch durch seine Führung lernte sie schnell. Geschickt öffnete er die Knöpfe ihres Kleides, löste die Bänder des Mieders. Seine Hände erforschten die warme seidige Haut, umfasste ihren Busen. Erschrocken stieß sie ihn zurück, was machte sie da? War sie von Sinnen? Entsetzen packte sie.
„Was hast du? Liebst du mich nicht?“
„Doch ich liebe dich, von ganzem Herzen, aber was wir hier tun ist nicht richtig.“
„Wieso nicht, was kann an der Liebe falsch sein, komm ich zeige dir wie schön es ist. Es ist noch schöner als fliegen und wird uns für immer zusammen binden. Du und ich, niemand wird uns mehr trennen. Auf immer und ewig.“
Seine Stimme wurde immer leiser, drängender, verlangender. Liebesschwüre schmeichelte ihrer Seele, lullten sie ein, brachen ihren Wiederstand, bis sie selber überzeugt war, nichts wäre wichtiger als Eduard und seine Liebe. Unter seinen kundigen Hände bebte ihr Körper, süße Schauer durchflossen sie, Wellen der Lust trug sie fort, willenlos gab sie sich ihm hin.
Der Herbst gab dem Winter die Hand. Erste Schneestürme zogen durchs Land. Annina sah Eduard nur noch selten. Sie litt sehr darunter. Tom versuchte sie aufzuheitern, nahm sie mit auf Schlittenfahrten, erzählte Geschichten von seinem Heimatort. Manchmal gelang es ihm und ihr Lachen klang hell durch die Küche.
An einem Abend, der Vollmond ließ die Nacht hell und klar scheinen, schlich sie sich in den verbotenen Teil des Gartens. Sie versuchte die Vergangenheit in Gedanken zurück zu bringen. Streichelte über die Brunnen die ihre Wasserspiele eingestellt hatten, ging die Wege auf denen sie tanzte. Verdeckt von einem Holunderbusch betrachtete sie den Pavillon. Als sie die Augen schloss, fühlte sie seine Hände, seinen heißen Atem, flüsternd, seufzend, voll Verlangen.
Eine Bewegung ließ sie aufhorchen. Arm in Arm spazierte Eduard mit einer wunderschönen Frau zum Pavillon. Sie hörte die Beiden scherzen und lachen. Es klang wie Hohn in ihren Ohren.
Versteinert stand sie hinter dem Holunderbusch. Sie konnte kaum atmen. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter, sie bemerkte sie kaum. Tom umfasste ihre Taille, zog sie sanft zurück. Führte sie auf die Bank unter dem Ahornbaum.
„Ich wusste nicht wie ich es dir sagen sollte, Eduard wird sich in zwei Wochen mit dieser Frau verloben.“
Annina saß immer noch regungslos da, mit weitaufgerissenen Augen, das Gesicht blass. Am schlimmsten war die Leere in ihrem Blick, Tom zerriss es fast das Herz. All sein Bemühen schien vergeblich, er redete ohne Halt, erzählte von der Weihnachtszeit die vor der Tür stand, seinen Wünschen und Träume.
Da drehte Annina sich langsam zu Tom, ihre Lippen zitterten, Tränen kugelten über ihre Wangen.
„Ich bekomme ein Kind!“
Tom sprang auf.
„Weiß er es?“
„Ja, ich habe es ihm gesagt. Doch seither lässt er sich verleugnen.“
„Dieses Schwein, ich bring ihn um!“
Jetzt war es um Anninas Selbstbeherrschung geschehen, sie sank Tom in die Arme und fing an zu weinen. Tom hielt sie fest, summte leise ein Lied und streichelte ihr über das Haar.
„Annina ich werde dich heiraten, wir könnten behaupten das Kind sei von mir. Niemand wird es bemerken.“
„Lass nur, es ist sehr lieb von dir, du musst dich nicht für mich opfern. Ich muss alleine damit fertig werden.“
Sie löste sich aus seinen Armen und ging ins Haus.
Tom aber stand noch eine Weile unter dem Ahorn. Wut und Hass brodelte in seinem Herz. Er schaute gegen den Himmel und haderte mit Gott, die Fäuste geballt. Dann schrie er, er schrie seine Hilflosigkeit in die Nacht.
Die Verlobung war Tagesgespräch. geschäftiges Treiben herrschte im ganzen Haus. Teppiche wurden geklopft, jede Nische geputzt. In der Küche zog man Kerzen, putzte das Silber. Ganze Fleischstücke versanken in einer Marinade aus Kräutern und Wein. Saucen und Cremen wurden vorgekocht und in den kühlen Keller gestellt. Durch das ganze Haus zog der Duft frisch gebackenem Brot und Kuchen.
Annina saß am Tisch formte Rosen aus Rettichscheiben und Randen. Sie war sehr geschickt unter ihren Händen entstand ein Blütenmeer. Doch ihr Herz war eiskalt. Arbeiten das brachte sie auf andere Gedanken, dann tat es nicht gar so weh, sie gönnte sich keine Rast. In der Nacht holte der ganze Schmerz sie wieder ein und Annina weinte in ihr Kissen. Kaum Schlaf, den ganzen Tag keine Ruh, bald war sie am Ende ihrer Kräfte.
Tom leidet mit ihr, konnte aber nicht helfen. Auch der Köchin fiel die Veränderung auf. Sie war schon alt, hatte schon viel gesehen in ihrem Leben, so blieb ihr auch Annina Zustand nicht verborgen. Nie hatte sie gelernt zu trösten, jemand in die Arme zu nehmen. Hilflos stand sie dem Elend gegenüber. In ihrer Hilflosigkeit wusste sie nichts besseres, als Annina zu raten eine Freundin von ihr aufzusuchen. Diese würde sie von ihrem Problem befreien. Entsetzt sah Annina die Köchin an. Heimlich, hinter vorgehaltener Hand hörte sie schon öfters von diesen Engelmacherinnen. Doch selber eine aufzusuchen, der Gedanke daran versetzte sie in Panik. Heftig stieß sie beim Aufstehen den Stuhl zurück, der polternd auf den Boden fiel. Wie ein gehetztes Tier schaute sie sich in der Küche um. Alle schienen über sie zu tuscheln, mit den Finger auf sie zu zeigen. Rückwärts gehend stieß sie an das große Fass, gefüllt mir Essiggurken. Schwappend lief der Essig über ihren Rock. Sie drehte sich um und hetzte davon.
Wohin sie rannte war ihr nicht bewusst. Im Weinkeller fand sie sich wieder. Eine Kerze flackerte in einer Nische, verbreitete nur spärliches Licht. Hier war kein Mensch, Kühle und Ruhe umfing sie. Trotzdem lief sie wie ein gefangenes Tier auf und ab. Ihr ganzer Schmerz wandelte sich in Zorn. Die Wut erfüllte sie siedendheiß. Auf dem Tisch stand ein Korb gefüllt mit bestem Bordeaux. Bereit für die Verlobung. Sie packte eine Flasche am Hals und schleuderte sie mit ganzer Kraft an die Wand. Splitternd zersprang sie. In blindem Hass warf sie die zweite Flasche. Sie hatte das Gefühl mit jeder Flasche die an der Wand zerschellte, zerbrach auch ein Stück Liebe in ihr. Die Liebe zu Eduard, der sie so schändlich hintergangen hatte. Es klirrte und krachte, ihr Herz wurde immer leichter.
„Was soll das, bist du von Sinnen?“
Erschrocken wich sie an die Mauer zurück. Eduard stand vor ihr, mit vor Zorn funkelnden Augen.
„Eduard ich bin es Annina, kennst du mich nicht mehr? Ich trage dein Kind unter meinem Herzen.“ Annina stammelte hilflos.
„Mein Kind“, er spuckte das Wort hinaus, „du wagst es mir ein Kind unter zu schieben? Da kämen sicher noch viele andere in Frage. Hast du etwa gemeint du würdest eine Frau Gräfin? Nichts als eine Küchenmagd bist du und wirst du auch bleiben.“ Hämisch lachte er, nannte sie eine dumme Gans, eine Schlampe die jedem paar Hosen nachrannte.
Sprachlos hörte Annina den Anschuldigungen zu. Wie Schuppen viel es ihr von den Augen. Tom hatte Recht. Für Eduard war sie nur ein Zeitvertreib, vermutlich war es ihm gerade langweilig, da kam ihm so ein naives Mädchen gerade recht. Annina spuckte vor ihm auf den Boden.
Mit drei Schritten war er bei ihr, hob die Hand und schlug zu. Annina sah den Schlag nicht kommen, wuchtig schleuderte er sie an die Wand.
Der Kopf dröhnte, heiß brannte ihre Wange. Doch noch heißer tobte die Schmach in ihr. Benommen blieb sie einen Moment liegen. Während Eduards höhnische Lachen und Lästern an ihr abprallten. Schlampe, Bauerntrampel durfte er ihr sie nennen, aber schlagen, das nicht. Ihre Hände spürten den Flaschenhals einer zerbrochenen Flasche. Langsam stand sie auf. Ihre Waffe versteckt hinter dem Rücken. Eduard sah in seiner Dummheit das lodernde Feuer nicht, dass in ihren Augen flackerte. Ganz dicht stellte sie sich vor ihn hin und flüsterte:
„Nie mehr, ich sage dir, nie mehr wirst du mich schlagen.“
Sie holte aus und schlug ihm mit einem Schrei die Scherbe in den Hals. Röchelnd sank er zu Boden, ungläubiges Staunen im Gesicht. Stoßweiße spritzte das Blut aus der Halsschlagader. Fasziniert starrte Mary auf das Blut. Gleichmäßig und rhythmisch verließ es Eduards Körper, sein letztes Lied, stumm und warm.
„Komm Annina tanz mit mir.“
Sie wusste nicht wie lange sie dort stand. Als die Tat ihr ins Bewusstsein vordrang, schlug sie sich voll entsetzen die Hände vors Gesicht. Langsam ging sie zur Tür. Vor der Tür prallte sie mit Tom zusammen, riss sich los und rannte weiter.
Ein Blick in den Keller genügte Tom, er benachrichtigte einen Kollegen und verfolgte Annina.
Anninas Vorsprung war groß. Tom rief ihren Namen, doch sie reagierte nicht.
Wie ein Magnet zog der Berg sie an. Oben auf dem Crap sout ils Mounts dort würde sie Frieden finden. Im Schnee sank sie immer wieder ein, rutschte aus, schlug sich die Finger wund. Eiskalt drang der Schnee in Schuhe und Kleider machten sie schwer und steif. Wind kam auf, riss an ihren Haaren, die Kälte durchdrang sie, doch sie musste auf diesen Felsen. Die Steine waren schroff und glitschig. Immer wieder verlor sie den Halt, musste sich erneut festklammern. Was im Sommer ein Spaziergang war, stellte sich als fast unüberwindbar dar.
In tiefer Sorge versunken hetzte Tom ihr nach. Die Verzweiflung schnürte ihm die Kehle zu, er konnte kaum atmen. Wenn er nur nicht zu spät kam. Es könnte alles wieder gut werden. Zu Zweit würden sie es schon schaffen. Als er sich den letzten Felsen hoch zog, sah er sie am Felsrand stehen. Der Wind zog an ihren Kleidern, peitschte ihr Haar.
„Annina, warte... nicht!“
Annina drehte sich langsam um, schaute ihm lächelnd ins Gesicht. Ihre Lippen formten eine Entschuldigung. Sie hob die Hand zum letzten Gruß. Ein Windstoss ließ Tom die Augen schließen. Als er sie wieder öffnete, war der Platz an dem Annina stand leer.
Bacharia
Nachts auf dem Friedhof
Dunkle Nacht, kein Mond, keine Sterne. Eine Straßenlaterne verbreitete nur schwach ihren matten Schein. Zwischen den Grabsteinen regten sich ein paar dunkle Gestalten. Leises Flüstern, ab und zu ein Lachen.
Eine Silhouette löst sich von der Friedhofsmauer, Kieselsteine knirschten unter ihren Schuhen, als sie sich zu den anderen gesellte.
„Es ist immer noch Licht in Gions Stall. Jetzt glaube ich bald, er schläft heute Nacht bei seinen Kühen.“
Auf einer Bank saß eine Gruppe von acht Jugendlichen. Sie hatten Decken um sich gewickelt. Vor ihnen stand eine große Thermosflasche. In der Hand hielten sie Tassen mit dampfenden Kaffee. Gurdin ließ einen Flachmann kreisen und fluchte leise:
„Verdammt! Der soll endlich schlafen gehen. Ich friere mir bald noch etwas ab. He Sämi! Bist du sicher, dass Gion nicht misstrauisch wurde, als du ihn im Stall besucht hast?“
„Garantiert nicht. Ich besuche in doch öfters. Außerdem hatte ich ja eine Nachricht von meinem Vater für ihn.“
Sämi war der Sohn des Metzgers. Deshalb war die Jungmannschaft bestens orientiert; was, wann und wo Bauer Gion vor hatte zu schlachten.
Es wurde immer schwieriger, ein Schlachttier, zu stehlen, und diese am Morgen geschmückt und mit lautem Trara in den Schlachthof zu bringen. Die Bauern waren schlau. Mit vielen Tricks und Hindernisse versuchten sie die Jungmannschaft zu überlisten. Sogar Feuerwehrschläuche kamen schon zum Einsatz. Diese schwemmten die Burschen regelrecht aus dem Stall.
So kam es, dass keiner der Jungen mehr so richtig Lust hatte diesem Brauch nachzugehen. Abgesehen davon war es recht schwierig, die Kuh als Schlachtkuh auszumachen. Da brauchte es schon einen Bauernsohn um dies zu erkennen. Aber Sämi war überzeugt, dass es diesmal klappen würde. Es musste einfach, sonst war er der Blamierte, und in dieser Rolle gefiel er sich gar nicht.
Leider war gerade kein Bauernsohn zu Hause, also musste Sämi entscheiden.
Johnson knabberte an einem Stück Brot mit Salami, dies war nicht verwunderlich. Johnson ass andauernd. Er strich sich über seinen dicken Bauch und meinte genüsslich:
„Ich freue mich schon. Ausgerechnet Gion muss uns zum Wurstschmaus einladen. Er macht die besten Würste weit und breit.“
Die anderen prusteten los. Andri gab Johnson einen Seitenhieb.
„Horch, horch, von Kühen keine Ahnung, aber wer die besten Würste macht das weiß er.“
Johnson verschluckte sich fast an seinem Salamibrot.
„Was interessiert mich die Kuh? Vorne ist der Kopf und hinten der Schwanz, mehr muss ich gar nicht wissen. Aber ob eine Wurst essbar ist oder nicht..., das ist wissenswert.“
Im Stall
Gion streicht mit seinen rauen Händen über Gandas braunen Rücken.
„Na, alte Freundin, bald hast du es hinter dir.“
Mit ein paar schnellen Zügen fuhr er mit dem Striegel durch das grobe Fell. Die Kuh schien es zu genießen. Genüsslich stellte sie den Schwanz hoch.
Ein letzter Blick in die Runde, Striegel und Bürste an ihren Platz, den Stallbesen in die Ecke, Gion löschte das Licht und ging ins Haus. Der wohlverdiente Feierabend begann.
Der Diebstahl
Dunkle Schatten huschten durch die Nacht. In der Ferne hörte man Hundegebell. Das klägliche Jammern einer Katze, wie das Weinen eines Kindes, schaurig und trostlos. Jähes, kurzes Geschepper, verhaltenes Fluchen. Das Licht einer Taschenlampe blitzte kurz auf. Dann war es wieder dunkel. Die Stalltüre ächzte leise in der Angel. Schon fiel sie wieder ins Schloss.
„So, Sämi, welche Kuh müssen wir jetzt nehmen?“ Gurdin griff nach dem Halfter, das schon bereit hinter der Tür hing.
Sämi war nervös. Gion wollte die Kuh schlachten, weil sich bei ihr immer wieder das Euter entzündete. „Hart wie Stein“, so hatte Gion zu seinem Vater gesagt. Forschend suchten seine Augen den Stall ab. Eine Kuh stand etwas abseits angebunden. Erleichtert atmete Sämi auf. Genau diese musste es sein! Zielstrebig ging er auf sie zu. Tatsächlich das Euter war prall und hart wie Stein. Jetzt war sich Sämi ganz sicher.
„Ich habe sie, hundert Pro, diese Kuh muss es sein!“
„Du musst es ja wissen.“ Gurdin, versuchte das Halfter über den Kopf der Kuh zu ziehen. Nicht gerade ein leichtes Unterfangen. Die Kuh mochte das Halfter gar nicht. Mit wilden Kopfbewegungen versuchte sie immer wieder sich dem Halfter zu entziehen. Sie schnaubte und schlug Sämi mit dem Schwanz gehörig um die Ohren.
„Nun helft mir doch mal, was steht ihr nur so blöd herum und glotzt!“ Gurdin war wütend. „Saublödes Biest.“
Endlich bekam er Hilfe, mit vereinten Kräften gelang es den Burschen doch noch das Halfter überzuziehen.
„So jetzt aber raus aus dem Stall!“ Gurdin packte das andere Ende des Seils und marschierte los. Der Ruck warf ihn fast ins Stroh. Stocksteif, keinen Wank, die Beine fest in den Boden gerammt, so stand die Kuh da. Kein Ho und kein Hü konnte sie zum Gehen bewegen. Gurdin zog, Sämi stieß, links und rechts drückten und schoben die Burschen mit vereinten Kräften. Johnson stand in gebührendem Abstand neben der Tür. Er mochte keine Kühe, darum musste er Schmiere stehen.
„Seid doch nicht so laut!“ Ängstlich schaute er zum Wohnhaus hinüber.
Erschöpft setzten sich alle ins Stroh.
„Was nun?“ Sämi kratzte sich am Kopf.
Ratlos, genervt und wütend diskutierten sie im Flüsterton miteinander.
„Das glaub ich einfach nicht, sapperlot!“ Gurdin war mit einem Satz aufgesprungen. Alle starrten zu der Kuh hinüber. Diese ging in einer Gemütsruhe zur Stalltüre auf Johnson zu. Johnson stand kreidebleich an der Wand, Panik stand in seinem Gesicht. Er fing an zu zittern. Der Schweiss rann ihm über die dicken Wangen. Ganz leise stiess er zischend hervor:
„Hilfe, lieber Gott und alle Heiligen, tut doch etwas!“
Als alles Beten nichts nützte, kniff er die Augen zu und hielt den Atem an.
Ein Aufschrei:
„Das Brot, sie will Johnsons Brot!“
Jetzt kam Bewegung in die Jungs. Gurdin rannte zu Johnson, riss ihm das Brot aus der Hand und schwenkte es lockend vor dem Maul der Kuh hin und her. Tatsächlich, die Kuh schnupperte und versuchte danach zu schnappen. Gurdin öffnete die Stalltüre und lockte sie mit dem Brot aus dem Stall. Leise kichernd folgte die ganze Bande. Vorn weg Gurdin mit einem Stück Brot, gleich hinter ihm die Kuh, den Hals gestreckt, das verlockende Brot so nah. Hinter der Kuh trottete Sämi, übers ganze Gesicht strahlend wie ein Marienkäfer, zuletzt die restlichen Burschen in bester Laune.
Leise bewegten sich die Gardinen hinter dem Fenster des Wohnhauses. Der Wind? Der Bauer? Niemand achtete darauf.
Das Versteck
Der alte Stall von Menduri wurde schon lange nicht mehr benutzt. Da er nahe beim Schlachthof stand, war er geradezu ideal, um eine Kuh vorübergehend zu verstecken. Sämi hatte schon alles vorbereitet. Die Kuh hatte es hier gemütlich. Das Stroh lag dick und in der Futterkrippe war frisches duftendes Heu. Die Kuh lag schon friedlich vor sich hinkauend im Stroh. Die Jungs begossen ihren Erfolg mit einer Flaschen Wein. Sie waren in ausgelassener Stimmung, johlten und lachten. Da sie sich nicht trauten die Kuh alleine zu lassen, musste ausgelost werden wer Wache schieben musste.
Das Los fiel auf Johnson.
„Haha... ausgerechnet Johnson!“ Gurdin klopfte Johnson aufmunternd auf die Schultern.
„Was mache ich, wenn die Kuh etwas von mir will?“
„Sing sie in den Schlaf, dann hast du Ruhe.“
„Und wenn ich Hunger habe?“
„Ach, du verhungerst schon nicht. Du hast noch genug Reserven.“
Alle Einwände nützten nichts. Johnson blieb alleine mit der Kuh zurück. Misstrauisch beobachtete er sie. Die sah jedoch ganz friedlich aus.
„Gute Kuh, brave Kuh, ja du bist eine ganz Brave.“ Umständlich setzte sich Johnson ins Stroh. Weit genug von der Kuh entfernt. Wenig später schlief er ein.
Eine dunkle Gestalt schlich durch den schwach beleuchteten Stall, bei der Kuh blieb sie stehen, mischte etwas unter das Heu. Leise verschwand sie wieder. Johnson schnarchte, bemerkte nichts.
Das Stroh raschelte, der Atem ging unruhig und rasselnd, Spannung lag in der Luft. Johnson wachte auf. Im ersten Moment hatte er Mühe sich zurecht zu finden. Wo war er? Alles tat ihm weh. Es roch so seltsam.
„Ach ja, die Kuh!“
Die Kuh lag immer noch im Stroh, doch die Augen schauten Johnson groß und wie es ihm schien, flehend an. Krämpfe durchfuhren ihren großen braunen Körper. Ihr Atem ging stoßweise. Ein stumpfer, kehliger Laut drang aus ihrem Maul.
„Verdammt, jetzt kratzt sie ab!“
In Panik griff er nach seinem Handy. Hier spricht die Mailbox, der Empfänger ist zurzeit nicht erreichbar...
„Scheisse, wieso hat er das Ding abgeschaltet? Er sollte doch erreichbar sein.“
Johnson rannte aus dem Stall. Jetzt half nur eines: Zu Fuß die ganze Truppe zusammen trommeln.
Das grosse Staunen
Ungekämmt und verschlafen standen sie kurze Zeit später alle vor dem Stall.
„Bist du sicher, dass sie tot ist?“ Die Angst nahm Sämi fast den Atem.
„Ich glaube nicht, dass sie noch lebt, so wie die mich angeschaut hat lag sie in den letzten Zügen.“
Niemand traute sich in den Stall. Schon der Gedanke an die tote Kuh ließ alle erschauern. Besonders, wenn sie noch an die Konsequenzen dachten, die auf sie zukommen würden.
Plötzlich ertönte ein kehliges Muhen aus dem Stall. Ein erleichtertes Aufatmen ging durch die Bande. Auf einmal wollte jeder der Erste im Stall sein. Sie drängten durch die Tür und blieben wie angewurzelt mitten im Stall stehen.
Vor ihnen stand die Kuh Ganda und leckte freudig ihr Kalb trocken.
„Mensch, Johnson, du Trottel. So etwas nennst du tot? Die Kuh hat gekalbt. Wir haben sicher nicht die richtige Kuh erwischt. Mann jetzt sind wir der Lacher der Nation.“ Gurdin kratzte sich am Kopf.
Lautes Kuhglockengeläute schreckte alle auf. Sie rannten zur Stalltür. Gion und seine Frau gingen frisch und fröhlich an den Jungs vorbei, eine Kuh vor sich her treibend. Gion grinste breit über das ganze Gesicht.
„Passt mir gut auf Ganda auf. Sie ist die beste Kuh im Stall. Ich hole sie nachher mit dem Traktor ab. Danke, dass ihr sie die ganze Nacht betreut habt. So konnte ich ruhig schlafen. Ich habe sie nur einmal kurz besucht und ihr etwas Brot gebracht. Ihr wisst ja, Brot mag sie besonders gerne. “ Gion zwinkerte ihnen zu.
Das helle Lachen der Bäuerin klang den Burschen noch in den Ohren, als sie schon längst um die Ecke des Schlachthofs verschwunden war.
Der Brauch
Bacharia - die Hausschlachtung existiert auch heute noch. Nur auf wenigen Bauernhöfen, da die meisten Landwirte heute alles vom Schlachter machen lassen. Nur der Brauch: Das Tier in der Nacht zu stehlen und es dann am andern Morgen selber mit viel Trara zum Schlachthof zu bringen – diese Tratition ist verschwunden. Wenn es der Jungmannschaft (in der Jungmannschaft war man automatisch, wenn man die Schule abgeschlossen hatte, bis geheiratet wurde) tatsächlich einmal gelang, war der Bauer verpflichtet die ganze Jungmannschaft zum Wurstessen einzuladen. Daran hatten die Bauern natürlich keine Freude. Zur Bacharia kam die halbe Verwandtschaft. Alle halfen kräftig mit, putzten am kalten Brunnen Därme und Kutteln, zerschnitten das Fleisch, teilten ein in Wurst- und Salsizfleisch und legten Hand an wo immer nötig. Da gab es die verschiedensten Wurstrezepte. Jede Familie hatte ihre eigenen Geheimnisse, und war natürlich fest davon überzeugt, dass genau dieses Rezept nun wirklich das Beste war. Die Hilfe der Verwandten wurde sehr geschätzt, aber sie konnten bei Tisch auch tüchtig zulangen. Außerdem nahm jeder ein paar Würste als Lohn mit nach Hause. Was so bei einer Bacharia übrig blieb, kann man sich ausrechnen. Besonders, wenn man die Dorfjugend noch einladen musste. Auch wenn beim stehlen nur eine Handvoll Jugendliche beteiligt waren, zum Wurstschmaus kam dann die ganze Bande.

