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01.01.2012 ist es soweit - wir übergeben den Hof in jüngere Hand!

Ein Stück vom Kuchen

Wir haben uns unser kleines Imperium aufgebaut. Schritt für Schritt, mit vielen Highlights aber auch Rückschlägen. Es war spannend, interessant und nie langweilig. Jetzt gilt es alles aus den Händen zu geben. Wir überreichen sozusagen unsere Geschichte – unser ungeschriebenes Lebensbuch an unseren Sohn weiter. Ein seltsames Gefühl.

Unser Betrieb ist wie ein grosser Kuchen. Die Zutaten sind: Milchwirtschaft, Aufzucht- und Mastvieh, Direktvermarktung, Ferienwohnung und Blaudisteln.
Da kommen ab und zu Gedanken auf: Wir könnten doch ein Stück vom Kuchen behalten. Zum Beispiel die Blaudisteln, die Direktvermarktung oder vielleicht eher die Ferienwohnung. Wir durchspielten Szenarien und Möglichkeiten. Doch, wie immer wir uns drehen und wenden, es läuft alles auf dasselbe hinaus: Fehlt eine Zutat im Kuchen ist er nicht mehr geniessbar.
Natürlich wäre es verlockend. Doch der einzige Teil des Betriebskuchens der genug abwerfen würde wäre wohl die Direktvermarktung. Dieser ist jedoch so stark mit dem Betrieb vermengt, dass eine klare Trennung nicht möglich ist. Außerdem hat der Direktvermarktungs-Virus Riet und Franziska auch schon gepackt.

Überdies haben wir schon zu viele abschreckende Beispiele erlebt. Eine Bäuerin hat ein paar Schafe für sich behalten. Die Herde wurde immer grösser, der Platzanspruch im Stall natürlich auch. Der Zoff war vorbestimmt.
Eine andere Bäuerin backte Brot um auf dem Markt zu verkaufen, dazu brauchte sie den Holzofen in der Küche der Schwiegertochter. Da herrschte mit der Zeit auch keine Freude mehr.
Ein Bauer hegte und pflegte seine Obstanlage. Brauchte dazu für verschiedene Arbeiten auch den Traktor vom Betrieb. Dieser wurde aber auch von seinem Sohn beansprucht. Jeder warf dem anderen vor, den Traktor immer dann zu brauchen, wenn er ihn auch gerade dringend benötigte.
Und dann gibt es noch Landwirte die sich schon früh Gedanken machen. Aus diesem Grunde bauen sie sich ein zweites Standbein auf. Zum Beispiel Pferdeboxen. Sie freuen sich schon darauf: Wenn der Sohn einmal die ganze Landwirtschaft mit den Kühen übernimmt, können sie sich den Pferden widmen.
Bei der Übergabe kommt heraus, der Sohn interessiert sich mehr für Pferde als für Kühe.

Auch das zusammen arbeiten ist nicht immer Friede, Freude Eierkuchen. Keiner kann behaupten, er lasse sich ohne weiteres vom Chef zum Arbeitnehmer delegieren. Besonders wenn man jahrelang das Geschick eines Betriebes mit Herzblut gelenkt hat. Degradiert zum Werkzeugwegräumer und Handlanger – keine berauschenden Zukunftsaussichten. Natürlich muss dies nicht sein. Aber ehrlich gesagt: Würde unser Sohn mit allen Fragen zu Marco kommen, wäre er unsicher und zaudernd. Hätte er nicht den Kopf voller neuen Ideen, dann wäre wohl etwas falsch gelaufen in der Erziehung. Wir haben vieles abgewogen, analysiert und durchgespielt. Wir werden unserem Sohn den Betriebskuchen im Ganzen übergeben mit Zuckerguss, Schleife und einem Schnaps zum Verdauen.
Das einzige nach dem wir wehmutsvoll schielen, sind die beiden Fässer Whiskey im Keller. Der ist leider erst nächstes Jahr reif für den Verkauf.
Im Moment haben wir ein neues Projekt. Das Maiensäss! Wir mieten es einfach von unserem Sohn. Dann gehört uns doch noch ein bisschen Betrieb – wie gesagt: Loslassen ist wirklich sehr schwer.

Mit schleifender Kupplung...

Unser Betrieb läuft im Moment finanziell mit schleifender Kupplung. Riet würde gerne mit Vollgas davon brausen. Marco und ich hätten am liebsten eine Vollbremsung. Natürlich wollen wir uns nicht vorwerfen lassen nichts mehr in den Betrieb zu stecken, deshalb verwirklicht meistens Riet seine Pläne. Aber halt mit Bremsspuren.

Wie die meisten Landwirte, haben Marco und ich laufend in den Betrieb investiert. Auch unser altes Engadinerhaus hat imaginäre Löcher in die wir immer wieder Geld stopften. So wird die Hofübergabe wohl kein Lottogewinn. Der Lohn unserer langjährigen Arbeit steckt in unserem Haus, Wiesen, Stall, Maschinen, Geräte, und Maiensäss.
Als Buchhalterin des Betriebes, sind mir die Zahlen sehr präsent. Als die Hofübergabe immer näher rückte, steckte ich mir ein hohes Ziel: Den Hof schuldenfrei zu übergeben. Ich hatte einen genauen Plan, den ich eisern durchgehalten habe. Oft wurde es knapp – so knapp, dass ich schlaflose Nächte hatte, und die Tage bis zum nächsten Milchgeld zählte.

Im Herbst haben wir die Küche in unserer Ferienwohnung umgebaut. Dies sollte meine letzte grosse Investition in unseren Betrieb sein – dachte ich. 2011 muss jeder Rappen auf unser Konto fliessen. Damit wir ein Polster haben, für unseren neuen Lebensabschnitt. Dann kam Riet:
„Hast du noch genug Geld auf dem Konto, wir brauchen ein neues Güllenfass!“ Im Geiste schielte ich auf unser Konto und machte schon die ersten Abstriche.
Beim Frühstück diskutierte Marco mit Riet wie viele Kühe wir noch für unsere Direktvermarktung zukaufen müssen. Meine Hirnhälfte, in der die Rechenmaschine steckt, fing an auf Hochtouren zu laufen. Als Riet, beim vorübergehen, bemerkte: „Ach ja, ich habe eine neue Wiesenegge gekauft“, da rasten und ratterten die Zahlen, die Rechenmaschine stiess kleine Dampfwolken aus, der Überdruck brachte meinen Kopf fast zum platzen. Genau in diesem Moment öffnete ich die Rechnung von der letzten Reparatur des Traktors! Ich war kurz vor dem Kollabieren.
Mein Geldpolster verabschiedete sich von mir. Es segelte langsam dem Sonnenuntergang zu – um mit einem leisen Seufzer am Horizont zu verschwinden.
Ein Maschinenkauf in der Landwirtschaft kann man buchhalterisch gut mit einer Saftpresse vergleichen. Oben wirft man grosse Orangen hinein – unten tröpfelt wenig Saft heraus. Die Maschinen sind teuer bei der Anschaffung, bei der Übergabe aber kaum mehr etwas wert. Deshalb sind solche Neuanschaffungen gerade vor der Hofübergabe schmerzlich – für die Buchführerin. Auch wenn man vom Sohn vorgerechnet bekommt, dass die Wiesenegge das bestrentierende Gerät auf dem Hof ist.
Ich habe mich dann wieder beruhigt. Riet hat die Wiesenegge selber bezahlt. Wir bezahlen ihm dafür Miete. Und das Güllenfass wird er bei der Hofübergabe zum Neuwert übernehmen.

Bei der Hofübergabe spielt das Finanzielle auf beiden Seiten eine grosse Rolle. Für uns ist es wichtig, dass wir ein finanzielles Polster für einen neuen Lebensabschnitt haben. Es entscheidet wie gelassen wir dieses neue Leben erwarten können, damit keine Existenzängste aufkommen. Noch wissen wir nicht was auf uns zukommt, wie sich unser Dasein ändert. Es ist noch nicht fassbar – noch nicht planbar. Deshalb ist es beruhigend, wenn wir fürs Erste finanziell abgesichert sind.
Franziska und Riet brauchen aber auch Geld um ihren Start durchziehen zu können. Es wäre schlimm, wenn ihre Energie und die Initiative von einem Schuldenberg erdrückt würde. Klar wird es nicht ohne Schulden gehen. Aber sie sollten überblickbar sein und keine schlaflosen Nächte verursachen.
Deshalb ist eine gesunde finanzielle Regelung bei der Hofübergabe etwas vom Wichtigsten.

Brüderlein und Schwesterlein

Bei einer Hofübergabe gibt es nicht nur die Übergebend- und die Übernehmende Partei. Meistens sind da noch Geschwister die etwas abseits aber trotzdem mittendrin stehen. Auch das muss man Regeln – immerhin geht es auch um ihr Elternhaus.
Gerade hier in Graubünden beobachte ich bei den Jugendlichen eine starke Verwurzelung. In der Regel abreiten sie im tiefsten Unterland, aber am Wochenende zieht Graubünden seine Sprösslinge wie ein Magnet in ihren Schoss zurück.
Unsere Kinder haben ihr eigenes Zimmer. Dort hängen und stehen viele Erinnerungen aus der Kindheit. Erinnerungen die man nicht mitnimmt ins Unterland. Sie bleiben zu Hause um sie Wochenende für Wochenende wieder zu empfangen.
Was fühlt unser Jüngster wenn er sein Refugium aufgeben muss, seine Kuschelecke, seine Snowboardwand wo er all seine wichtigen Sachen drapiert. Jahrelang hat unsere Tochter alte CDs gesammelt und damit, mit viel Liebe, die Wand tapeziert. Wenn sich die Discokugel dreht sprüht ein Funken- und Blitzregen. Der Zweitjüngste, der sein unabhängiges Scheunenzimmer über alles liebt. Und unser Ältester der in seinem Zimmer seltsame Flaschen lagert mit Totenkopf und „Achtung entflammbar“. In einer Ecke sein Musikinstrument in der anderen Skulpturen aus dem Werken der Sekundarschule. Jedes einzelne Zimmer ein Zufluchtsort für unsere Kinder und voller Kostbarkeiten aus der Kinderzeit für mich. Diese Kleinode müssen sie eines Tages räumen. Stück für Stück hinaustragen, in Kisten verstauen oder gar im Kehricht entsorgen – der endgültige Bruch zur Kindheit. Wenn ich daran denke wird mir ganz Elend

Und dann – wo sollten sie am Wochenende hin, wo ihr neues Reich aufbauen. Ich muss zugeben, ich hatte schlaflose Nächte. Wenn wir in 1-2 Jahren in unser Häuschen ziehen, haben wir nicht mehr soviel Platz. Ich plante schon eine Dachwohnung mit mindestens vier Zimmer, Küche und Bad. Damit ich all meine Kinder wieder um mich scharen kann. Als ich meine Ängste mit unserer Tochter besprach, lachte sie mich aus:
„Mami, was machst du dir denn für Sorgen. Wenn es soweit ist, regeln wir das selber mit Riet. Das schaffen wir schon, weißt du wir sind nämlich schon gross!“

So ist es, unsere Kids sind alle schon über 20 Jahre alt. Sie haben ihr Leben im Griff, sind selbstständig und unabhängig. Wir haben ihnen eine gute Ausbildung ermöglicht und sie rechtzeitig aus dem Nest gestossen. Oder besser gesagt: Sie haben sich gut abgenabelt. Ich bin normalerweise nicht so gluckenhaft. Aber im Moment kommen mir die skurrilsten Gedanken. Dabei vergesse ich, dass ich selber mit 16 Jahren auszog. Seither hatte ich bei uns zu Hause kein eigenes Zimmer mehr. Kam ich in den Ferien nach Hause schlief ich auf dem Sofa und es war für mich immer selbstverständlich.

Trotzdem kann man die Geschwister nicht aussen vor lassen. Wir müssen sie in die Übergabe mit einbeziehen. Erklären wie alles abläuft, was auf sie zukommen wird. Schon im Vorfeld abklären: Wo sind ihre Bedürfnisse, ihre Ängste. Was gibt es für Lösungen. Mögliche Optionen besprechen und in die Wege leiten. Und für uns Eltern heisst das vor allem: Loslassen!

Es ist soweit

Die Zeit läuft mit Riesenschritten. Erst hat man den Betrieb übernommen, schon steht die nächste Generation in den Startlöchern und fordert ihr Recht. Hofübergabe das tönt so einfach. Doch mit wie vielen Fragen, Ängsten und Emotionen sie daher geht, erfährt man erst mittendrin. Im Januar 2012 möchte unser Sohn den Hof übernehmen. Wie es uns in diesem Jahr ergehen wird – von dem möchten wir ihnen laufend berichten. Wir werden versuchen die Gedanken von beiden Seiten einfliessen zu lassen. Alt und Jung – Übergebende und Übernehmende.

Wir haben immer gesagt: Wenn ein Kind übernehmen will, treten wir zurück. Für uns war dies selbstverständlich. Als unser Sohn dann erklärte: Er gedenke den Betrieb zu übernehmen, dachten wir: „Super! In drei- vier Jahren haben wir einen Nachfolger!“ Doch als er dann das Datum nannte, schluckten wir leer: „Was schon im 2012?“ Wir sind noch voller Ideen für neue Projekte…! Besser gesagt: Wir haben Anlauf genommen, sind durchgestartet, haben die Schallmauer durchbrochen… und werden mittendrin abgebremst – Autsch, das tut weh! Besonders wenn wir an die zwei Whiskeyfässer denken die im Keller vor sich hinreifen und auf ihr Geburtsjahr 2013 warten. Riet ist erst 27 Jahre alt – ups! Wir waren sogar noch jünger bei der Hofübernahme

Langsam gewöhnen wir uns an den Gedanken. Wir wurden sogar ganz euphorisch – all die Möglichkeiten die uns jetzt offen stehen! Marco könnte sich einen Job suchen der mindestens 10'000 Fr. im Monat einbringt. Mit einem Arbeitspensum von 50% hätten wir genug zum leben. Ich könnte ein Buch schreiben und dann durch die ganze Welt gondeln, von Lesung zu Lesung. So lange man die Luftschlösser nicht konkret angeht, platzen sie auch nicht. Dafür um so lauter wenn man sich tatsächlich dahinter klemmt. Marco dachte immer mit der romanischen Sprache komme er durch die ganze Welt – bei allen interessanten Jobs steht aber: Sehr gute Englischkenntnisse erforderlich. Wenn ich in ein Büchergeschäft gehe und von der Masse Neuerscheinungen fast erschlagen werde denke ich: Wo hat da mein Buch noch Platz!

Und so kommt die Einschicht: Es wird gar nicht so einfach, wie wir es uns immer vorgestellt haben. Langsam, sachte mit Staunen landen wir auf dem Boden der Realität.
Okay! Der Vorgang ist klar. Wir nehmen mit dem Plantahof Kontakt auf und schon läuft alles auf der Einbahnstrasse Richtung Hofübergabe. Aber wie steht es mit dem „Lebendigen“. Wir haben uns unser winzig kleines Imperium aufgebaut. Da steckt sehr viel Herzblut dahinter. Nicht nur Herzblut auch viel Erfahrung und Wissen. Wird dieses Imperium weiter bestehen oder kracht es wie ein Kartenhaus in sich zusammen?
Wir werden mit Floskeln konfrontiert die wir plötzlich real umsetzen sollen. Zum Beispiel:
 Die Jungen muss man machen lassen!
 Sei kein Sturkopf, misch dich nicht ein!
 Die Jungen unterstützen, ihnen Mut und Selbstvertrauen geben!
Wie leicht uns die Sätze von den Lippen fliessen – doch tonnenschwer sind sie, wenn wir sie tragen müssen.
Aber wir schaffen das schon. Irgendeinmal sitzen wir in unserm Häuschen auf den Balkon und geniessen den Sonnenuntergang. Dann sinniert Marco:
„Was meinst du, sind sie schon fertig mit heuen heute?“
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, erwidere ich und schlürfe genüsslich an meinem Glas Wein.