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Familienblues

Mein Kolumne „und plötzlich bist du 50“ kam bei den Lesern sehr gut an. Es wurde der Wunsch geäussert: Gibt es so was nicht auch für die Jüngeren. So der Allgemeine Alltagswahnsinn? Deshalb versuche ich auch diesem Thema gerecht zu werden. Was nicht immer so einfach ist. Vieles was ich damals empfunden habe, interpretiere ich heute anders. Aber es macht mir genau soviel Spass wie "und plötzlich bist du 50"

Traditionen

Im Laufe der Jahre baut man sich viele Traditionen auf. Egal ob sie schon vorhanden waren, in die Ehe mitgebracht wurden, oder einfach im Laufe der Jahre entstanden, sie sind uns ans Herz gewachsen. Wir hegen und pflegen sie und freuen uns jedes Jahr wieder aufs Neue. Besonders im Dezember und Januar: Da werden die Adventkerzen angezündet, der Samiklaus kommt auf Besuch, wir feiern die Geburt Jesus und rutschen besinnlich, fröhlich ins neue Jahr.

All diese Traditionen werden in jedem Haus etwas anders gefeiert, es sind Familienfeste. Familienfest heisst; die ganze Familie sitzt zusammen und feiert ein Fest – denkste! Aber nicht wenn Kinder zu Teenager mutieren. Vorbei sind die leuchtenden Kinderaugen vor dem Weihnachtsbaum. Vorbei das ängstliche Ausschau halten nach dem Samiklaus und vorbei das Anstossen mit Rimuss an Neujahr. Kollegen und Kolleginnen haben oberste Priorität.
Früher setzten wir Eltern alles daran, damit wir an den Feiertagen alle Arbeiten fertig hatten. Keine Versammlungen, keine Geschäfte, das gemeinsame Familienfest war das Wichtigste. Zusammen zu sitzen um mit den Kindern zu feiern. Kommen sie aber ja nicht in Versuchung dasselbe heute von einem Jugendlichen zu verlangen.
Bei uns war Tradition, dass der Samiklaus einen grossen Jutensack brachte, mit Nüssen, Madarinen, Schokolade etc. alles was halt so dazu gehört. Zuerst schaute der gute Mann in sein Buch und las jedem Kind vor; was es Gutes getan hat und was weniger gut war. Zum Schluss leerte der Schmutzli den ganzen Sack aus. So lag die ganze Pracht mitten in der Stube auf dem Teppich. Wir setzten uns auf den Boden um den Haufen und schmausten die leckeren Sachen.
Mit der Zeit verschwand der Samiklaus und es stand nur noch der gefüllte Sack vor der Tür. Trotzdem leerten wir ihn auf dem Teppich aus und assen drauf los.
Letztes Jahr machte ich den ersten scheuen Vorstoss: Was meint ihr sollen wir überhaupt noch Samiklaus feiern? Die Entrüstung kam von allen Seiten: Sicher - was ich denn denke - Samiklaus ohne pral gefülltem Sack – das wäre ja der Weltuntergang!
Natürlich freute es mich, dass sie anscheinend unseren Brauch doch noch schätzten und kaufte deshalb tüchtig ein, stöberte nach einem Jutensack ohne Loch und stellte ihn vor die Tür. Wenn ich ihn nicht selber hereingeholt hätte, würde er jetzt noch draussen stehen. Der Älteste kam gar nicht nach Hause, er musste arbeiten. Zwei waren selber beim Samiklaus angestellt und die zwei Jüngsten schlichen ihm nach um den armen Mann zu ärgern.
Der Jüngste tauchte dann doch noch auf. So sassen wir halt zu Dritt um den grossen Haufen und freuten uns, dass wir schon mal die besten Stücke raussuchen konnten.

Das ist auch etwas was sich stark ändert, wenn man um die 50. ist. Die Kinder suchen ihr eigenes Leben. Was für uns wichtig war, hat in den Augen der Kinder nicht mehr denselben Stellenwert. Traditionen die wir aufgebaut haben fallen auseinander. Und wieder heisst es: sich neu orientieren. Es nützt nichts, sie halten zu wollen, sie werden trotzdem gehen – ohne zurück zu schauen – das ist das Recht der Jugend, wir haben es damals auch von unseren Eltern gefordert. Nur wenn wir sie ziehen lassen, werden sie auch wieder zurück kommen.
Das Gute dabei ist: Wir müssen die Nüsse statt durch sieben nur noch durch zwei teilen. Und wenn wir dann an Neujahr, die ganze Flasche Sekt alleine trinken müssen – dann wird’s erst richtig lustig.

Schritt für Schritt

Je grösser die Kinder werden, umso weiter entfernen sie sich von uns Eltern.
Das ist natürlich – der Lauf der Welt.
Die erste Abnabelung, und wohl zugleich die grösste, ist die Geburt. Ein kleinerer Schritt erfolgt, wenn unser Baby die Händchen nicht mehr nach der Mutterbrust, sondern nach dem Schoppenflaschen mit der leckeren Ovomaltine ausstreckt. Dann der erste Schritt alleine. Er lässt die ganze Familie jubeln. Alle müssen es sehen. Die Neuigkeit stellt jede Zeitungsschlagzeile ins Abseits. Wir freuen uns. Loben es in den Himmel und erzählen allen die es hören wollen (oder auch nicht) was für ein geschicktes Baby wir haben. Doch aufgepasst, der erste Schritt heisst auch: Ich hab mich aufgerichtet. Jetzt bin ich gross. Mami mach dich bereit; von heute an bin ich blizschnell!

Dann kommt der Kindergarten. Unser kleiner Sonnenschein, ohne Mami und Bap, mit vielen fremden Kindern. Eine Kindergärtnerin die er noch gar nicht kennt. Wird es ihm gefallen? Werden die andern nett zu ihm sein? Kann er sich behaupten und durchsetzen? Ich muss ehrlich gestehen; dieser Schritt tat mir am meisten weh. Am liebsten hätte ich geheult. Aber unsere Kids haben nicht einmal zurück geschaut, mit glänzenden Augen, gespannt auf das erste grosse Abenteuer ihres Lebens, verschwanden sie im Getümmel des Kindergartens.

Während des Heranwachsens gibt es viele solche grosse und kleine Schritte:
- Der erste Schultag.
- Das erste Ferienlager ohne Eltern.
- Wenn sie ihre Geheimnisse nicht mehr mit uns sondern mit den Freunden teilen.
- Die erste Liebe und der darauf folgende Liebeskummer.

Der grösste Schritt ist der ins Berufsleben. Bei der Berufswahl, Bewerbungsschreiben und Schnupperlehren dürfen wir ihnen noch hilfsreich zur Seite stehen. Die Hauptarbeit dabei sollten unsere Söhne und Töchter aber alleine leisten. Wir tun ihnen keinen Gefallen, wenn wir dies für sie erledigen. Es gilt als grosses Pluszeichen, in jedem Lehrbetrieb, wenn nicht die Eltern sondern die Jugendlichen selber sie kontaktieren.
Dann das grosse Highlight – die Zusage – dies ist wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen.
Wer jedoch denkt: Jetzt ist es gut, jetzt können wir uns beruhigt zurück lehnen, der irrt. Er fängt es erst an – der Stress. Bis hierher war alles noch überschaubar, unter Kontrolle, wir konnten eingreifen und handeln.
Der Eintritt ins Berufsleben drängt uns auf die Zuschauerbank. Zwar sehen wir ihre Nöte, Ängste und Missgeschicke. Eingreifen können wir aber nur noch in Ausnahmefällen. Wohl dürfen wir beraten und trösten aber ihren Mann/Frau müssen sie selber stehen, draussen im Leben.
Ich erinnere mich: Vor ein paar Jahren rannte ein Vater, während eines Hockeyspiels, voller Wut aufs Eisfeld. Packte den Schiedsrichter, der seinen Sohn ungerecht behandelt hatte, und streckte diesen mit einer langen Gerade zu Boden. Damals war dies der Lacher des Jahres. Über den Vater wurde getuschelt und gespottet.
Vier von unseren Kids sind jetzt schon in der Ausbildung oder stehen im Berufsleben. In all diesen Jahren stand ich oftmals, wie dieser Vater, am Rande des Spielfeldes, vor Wut kochend, bereit für eine lange Gerade…!
Dies ist das Schwerste: Zuschauen zu müssen, nicht eingreifen dürfen. Unsere Töchter und Söhne haben jetzt ihr eigenes Leben, dass sie selbständig bewältigen wollen und müssen.
In diesem Sommer, fängt unser Jüngster die Lehre an. Klar kommt er jedes Wochenende nach Hause, bringt Berge schmutziger Wäsche und sprudelt nur so vom Erlebten. Er ist der letzte auf dem Sprungbrett ins Leben da fällt es besonders schwer loszulassen.

All diese Schritte haben mit Abnabelung zu tun. Jeder Schritt führt von uns weg, auf die Welt zu, ins eigene Leben. Und es liegt an uns ob wir diese Schritte auch zulassen. Loslassen ist eine Kunst, besonders wenn es um unsere Kinder geht. Und manchmal geht es nicht nur mit loslassen – manchmal braucht es dazu auch einen kleinen Schubs – egal ob der Schubs jetzt von uns kommt oder von ihnen.

Muttertag - schönster Tag im Jahr...!

Alle Jahre wieder… kommt der schönste Tag im Jahr für die Mutter. Jawohl - Muttertag!
Dann kann Mutter am Morgen liegen bleiben. Die Kinder machen Frühstück. Sie kochen ein Ei, schneiden den Zopf, der die Mutter am Tag zuvor gebacken hat und der Kaffeeduft durchströmt das Haus. Jetzt muss sich die Mutter nur noch an den Tisch setzen und die ganze Herrlichkeit geniessen. Wenn sie dann das Geschirr abgewaschen und die Küche wieder in ihren Urzustand versetzt hat, macht die ganze Familie einen Ausflug.

Ein wunderschöner Tag, die Sonne scheint es wird heiss im Auto, der Älteste ruft von hinten: „Kannst du keinen anderen Radiosender einstellen?“
Die Kinder werden unruhig im Auto. Der Jüngste muss sich übergeben. Alle schreien:
„Pfui, grusig!“
Beim nächsten Brunnen hält Papa das Auto an und während Mutti das Desaster aufputzt geht er spazieren. Papa würde das Erbrochene gerne aufwischen, aber es wird ihm schon vom Geruch schlecht.
Weiter geht’s, aber wo sind die Kinder? Die sind inzwischen im Wald verschwunden. Nach einer Weile hat die Mutter alle wieder gesammelt, die Äste aus dem Haar geklaubt und dem Zweitältesten das aufgeschürfte Knie verarztet.
Im Auto ist es immer noch heiss. Bei einem hübschen Restaurant wird angehalten. Leider ist alles besetzt – es ist ja Muttertag. Endlich nach dem dritten Halt findet sich ein freier Tisch. Alle sind glücklich, geben die Bestellung auf und warten… und warten… und warten… es ist halt Muttertag, dass muss man verstehen.
Schliesslich geht es wieder Richtung Heimat. Hab ich schon erwähnt? – Im Auto ist es heiss! Erschöpft und durchschwitzt lässt sich die Mutti zu Hause aufs Sofa sinken. Die Kids rennen schreiend und lachend herum. Nach dem langen Sitzen müssen sie sich austoben. Papa äussert den Wunsch nach Nahrung. Mutti rafft sich auf und zaubert ein deftiges „z’Vieri“ auf den Tisch.
Am Abend wenn alles ruhig wird im Haus - die Kids sind endlich im Bett, der Göttergatte schaut die Sportschau im Fernseher – räumt Mutti noch die Küche auf.
Muttertag ist vorbei, endlich… Mutti freut sich schon auf nächstes Wochenende. Auf einen ruhigen gemütlichen Tag ohne Action.

Ich konnte nie verstehen wieso sich Frauen ihren Tag so verderben lassen. Früher, bei uns zu Hause im Restaurant, war für uns der Muttertag Stress pur. Das Lokal war voll, Hochbetrieb, es brodelte. Wir Mädchen machten das Büffet und später den Abwasch. Am Abend füllte sich das Lokal noch einmal mit Männer die ihre Frauen auf ein Glas Wein ausführten. Schon damals war mir Muttertag suspekt. Ich konnte nicht begreifen wieso Frauen nicht viel lieber gemütlich zu Hause bleiben.

Für mich war es immer am schönsten: Ein Buch in der Hand eine gemütliche Ecke im Garten, oder auf dem Sofa – das war ein perfekter Muttertag. Kein Stress, keine Ausflüge, kein Essen in überfüllten Lokalen. Ich kann mich glücklich schätzen, meine Familie hat dies immer respektiert.

Krankenzimmer...

Als ich zwölf, dreizehn Jahre alt war, hasste ich Diktate wie die Pest. Jedes Mal wenn unser Lehrer ein Diktat angekündigte, versuchte ich alle Tricks um irgendwie die Schule zu schwänzen. Im Winter lief ich am Abend, im Pyjama mit nackten Füssen, durch den Schnee. Bis ich zitterte wie Espenlaub. Aber das Fieber stellte sich nicht ein, im Gegenteil sehr wahrscheinlich härtete mich meine Aktion sogar noch ab. Fieber war das Minimum was wir haben mussten damit unsere Mutter uns nicht in die Schule schickte.
Da war sie unerbittlich. Nicht einmal der traurigste Hundeblick liess sie erweichen. Heute stehe ich selber vor leidenden Kinderaugen und muss abwägen:
„Soll ich ihn in die Schule schicken oder nicht?“
Bis jetzt habe ich es so gehalten: Ist Fieber im Spiel dürfen sie zu Hause beleiben, aber nur wegen Schnupfen und Husten – ab in die Schule. Ups, das kenne ich doch von irgendwoher.
Wir sind halt doch die Spiegel unseren Eltern.
Ich kenne Eltern, die lassen ihre Kinder bei jedem Wehwehchen zu Hause. Die Kids sind ja nicht blöd und nützen das sehr schnell aus:
Kopfweh ist, zum Beispiel, eine super Sache. Das kann die Mutter nicht nachprüfen. Husten, da sind die Drüsen geschwollen oder der Rachen gerötet. Bei Schnupfen läuft die Nase. Und Bauchweh, naja dann kann man nichts essen, nicht mal Schokolade, sonst fällt es auf. Aber Kopfweh – das ist ideal! Und wenn es einmal klappt, dann versucht man es immer wieder. Logisch!
Selbstverständlich ist nicht jede Krankheit gespielt. Von der Schule bringen sie die verschiedensten Viren und Bakterien nach Hause. Am schlimmsten ist es in der Saison. Die Touristen bringen die Viecher von allen Ecken der Welt mit. Auf dem Eisfeld, der Skipiste und dem Pausenplatz werden sie dann grosszügig verteilt. Und schon liegt die ganze Familie flach.
Mit fünf Kindern kann man die Wohnstube gleich in ein Lazarett umwandeln. Wenn eines Fieber, Masern oder die wilden Blattern bekommt, pflückt die Krankheit eines nach dem anderen, bis alle stöhnend unter der Decke liegen. Dann schlepp ich Salzstangen, Coca Cola und Früchte von der Küche in die Stube, koche Tee und Bouillon. Marco gibt ihnen Homöopathiekügelchen und ich pumpe sie mit Chemie voll. Etwas von beiden wird dann schon helfen.
Marco und ich sind uns einig was „krank sein“ rechtfertigt und was nicht. Nur bei den Behandlungsmethoden vertreten wir nicht dieselbe Philosophie.
Als unser Zweitältester mit Fieber im Bett lag, liess ich ihn am dritten Tag noch zu Hause, zum auskurieren. Marco fand: „Der braucht frische Luft! Ab aufs Eis!“
Das war ja schön und gut, aber – das Eisfeld liegt hinter der Schule. Herr Pfarrer Matti hatte gerade Religionsunterricht. Er war gar nicht erfreut, dass sein Schüler, statt brav hinter der Schulbank zu sitzen, auf dem Eis herum kurvte – wohl gemerkt, auf Befehl von seinem Vater. Riet musste sich hinterher beim Herr Pfarrer entschuldigen – sein Vater nicht!

Sandmännchen lässt grüssen...

Wenn die Sonne untergeht nimmt sie die geschäftigen Aktivitäten des Tages mit sich. Es dunkelt, die Strassenbeleuchtung flammt auf, auch in den Stuben gehen die Lichter an. Eine Glocke der Ruhe legt sich über das Dorf. Es wird Nacht – Schlafenszeit!
Doch nicht bei Familie Schmidt in der Stube. Nein, hier tanzt der Bär! Die Kids klettern auf den Ofen, benutzen ihn als Sprungschanze aufs Sofa. Johlend, mit gezücktem Plastikschwert vom letzen Marktausflug.
Den ganzen Abend spielten sie mit ihren Kollegen „Räuber und Poli“ ums Haus herum. Super dachte ich: Die sind sicher durch, sie werden schlafen wie Engelchen! – Denkste, die Erholungsfase war kurz. Das Zauberwort war: „Ab ins Bett!“ Schon waren die Lebensgeister zurück.
Jetzt purzeln, lachen und tollen sie durch die Stube.
„Wir sind aber überhaupt noch nicht müde!“
„Gerade wenn wir so schön spielen!“
„Nur noch ein paar Minuten.“
Ich habe einmal den Fehler gemacht sie vor die Wahl zu stellen. Ich bot ihnen an: Entweder eine Gutenachtgeschichte oder noch eine Viertel Stunde länger herumtollen. Naiverweise war ich überzeugt, sie wählen die Gutenachtgeschichte – seither steht diese Option nicht mehr zur Verfügung. Jetzt heisst es nur noch:
„Ab mit euch, Schlafzimmer einfach…!“
Wenn es ums „schlafengehen“ geht, herrsche ich mit uneingeschränkter Hierarchie. Da gibt es kein Pardon. Doch das Durchsetzen ist hart und stellt mich immer wieder vor neuen Grenzen. Oft ist mein Kopf wie ein Dampfkochtopf - unter Druck – kurz vor dem Abpfeifen.
Am besten bringt man Kids zum schlafen, wenn man Beständigkeit und Rituale setzen kann – so steht es jedenfalls in jedem Buch über Kindererziehung. Bei uns sehen diese Rituale so aus:
Waschen, Zähne putzen, ins Bett, eine Gutenachtgeschichte, Lichter aus und Türe zu. Fünf Minuten später hört man Trip Trapp, kleine Füsse die Treppe runter rennen. Die Tür fliegt auf:
„Gäll Mami ich bin keine doofe Nuss!“
„Nein bist du nicht.“ Rechtsumkehrt, wieder hoch ins Zimmer, hübsch zudecken, Licht aus und Türe zu.
Trip Trapp die Türe geht auf:
„ Er hat es schon wieder gesagt und dazu pfeift er so blöd.“
Dieses Spielchen kann sich ziemlich in die länge ziehen. Je nach dem wie stark meine Nerven vorbelastet sind. Wenn das Dampfregulierungsventil in meinem Kopf den dritten roten Strich erreicht hat, spreche ich ein Machtwort - und Ruhe herrscht – vielleicht! Ansonsten fängt das Spiel von vorne an.
Nützlich sind Gutenachtgeschichten. Ich erfinde sie immer selber. Das hat den Vorteil, dass ich sie je nach Zeit länger oder kürzer erzählen kann. Ausserdem bin ich einfach zu faul mir ein Buch zu holen. Meistens handeln die Geschichten von kleinen Zwergen, die nichts als Unsinn im Kopf haben. Nur sollte man nicht übertreiben. Da habe ich doch letzthin wirklich den Bock abgeschossen: Nach dem fünften Mal „Trip Trapp die Türe geht auf“ zeigte ich ganz entnervt an die Decke.
„Seht ihr das kleine Astloch dort oben. Dort drinnen sitzt der kleine Zwerg, er kommt raus und zieht euch an den Ohren wenn ihr jetzt nicht einschlaft. Zwei Minuten später standen beide in der Stube mit vor Entsetzten aufgerissenen Augen flüsterten sie:
„Der Zwerg kommt raus!“
Erst als ich mit einem dicken schwarzen Klauenband das Astloch x-mal überklebt habe konnten die Knirpse einschlafen.

verschiebe nie auf morgen...

Kennt ihr diese kleine Weisheit auch? Das war der Lieblingsspruch meiner Mutter. Und er kommt mir jedes Mal in den Sinn wenn ich ihn überhaupt nicht brauchen kann. Seit Tagen schiebe ich es vor mich her und der Staub legt sich immer dicker auf die Möbel.
Ich sollte dringend wieder einmal abstauben und putzen. Auf dem Büffet kann ich schon kleine Herzchen zeichnen und den Bildschirm des Fernsehers darf man nicht berühren, weil sich die Staubschicht sonst noch vehementer abzeichnet.
Ja! Ich sollte wirklich… doch dann scheint die Sonne durch die Fenster. Tausende von Staubpartikel tanzen im Lichtstrahl und zeigen mir die Unsinnigkeit meines Vorhabens. Da legt sich Staubkorn für Staubkorn auf die glänzend polierte Holzplatte. Deckt sie feinsäuberlich zu – nun komme ich und wirble alles wieder auf.
Meine Schwiegermutter erzählte mir: Als sie frisch verheiratet war kam jede Woche eine Tante vorbei und prüfte heimlich mit dem Finger ob auch tüchtig abgestaubt wurde.
„Und, hast du ihr nie einen Staublappen in die Hände gedrückt – das wäre doch die Gelegenheit gewesen.“
„Das glaube ich dir aufs Wort, dass du so was fertig gebracht hättest!“
Ja sicher, so was würde ich schamlos ausnützen. Darin unterschied ich mich von meiner Schwiegermutter. Hatte sich Besuch angekündigt, fing ich an zu kochen und meine Schwiegermutter zu putzen.
Eine gute Kollegin von mir meinte:
„Wenn Besuch kommt, frage ich immer zuerst wie gross sie sind – bis auf diese Höhe wird dann abgestaubt.“
Praktisch sind viele Kinder. Die verstecken sich unter dem Tisch. Sie klettern auf den Kachelofen in der Stube. Machen johlend eine Kissenschlacht. Lassen sich unter das Bett rollen und rennen mit Getöse in der Wohnung herum. Viel besser kann niemand den Staub aufwirbeln.
Sicher hat man es gerne sauber und aufgeräumt. Es ist auch ein sehr befriedigendes Gefühl, wenn der Boden glänzt, alles frisch riecht und keine Schmierstreifen die Sicht nach draussen brechen.
Anderseits hat das Putzen die Angewohnheit nicht weg zu laufen. Auch wenn ich es auf morgen verschiebe – die Arbeit ist immer noch da. Es kommt auch niemand vorbei und ruft: „Lass das doch, ich putze gerne für dich!“ Auf die Heinzelmännchen lohnt es sich nicht zu warten. Die haben schon unsere Vorfahren vertrieben – leider!
Ich denke jeden Abend: Morgen – da wird geputzt. Ich mache mir in Gedanken einen Plan. Zuerst putz ich die Fenster, verrücke die Möbel um dahinter zu saugen, wische den Boden, staube ab…! Ja, der Plan wäre schon da – im Kopf.
Früh am Morgen taucht dann unser Sohn auf. Er sucht seine Turnsachen. Hektik entsteht. Er muss in die Schule und ist natürlich wieder zu spät aufgestanden. Die Tochter braucht dringend Material für die Bastelstunde und hat überhaupt keine Zeit sie selber zusammen zu suchen. „Bitte…, Mami!“ Fleht sie. Der Jüngste hat sich die Knie aufgeschlagen. Ich renne nach Verbandszeug. Marco braucht mich „nur schnell“ auf dem Betrieb. Am Nachmittag bekommen wir unangemeldeten Besuch. Die Schule ist aus, die Kids stürmen ins Haus. Im Schulsack einen Berg und Hausaufgaben… und schon ist wieder Abend.
Erschöpft gehe ich in die Wohnstube zeichne neben dem ersten Herzchen noch ein zweites in den Staub und denke – „Ach ja, Verschiebe doch auf morgen, was du heut nicht kannst besorgen!“

Schwiegermütter...

Ist es nicht herrlich: Vater, Mutter, Grosseltern, Tante Onkel und viele Kinder alle an einem Tisch – die Grossfamilie. Eine Familienstruktur die auf vielen Höfen anzutreffen sind. Eine Familienstruktur die man auf Bauernhöfe sogar erwartet. Das sind viele helfende Hände. Eine Grossmutter die zu den Kindern schaut, ein Onkel der viele kleine Arbeiten auf dem Hof erledigt. Alle finden es toll, alle finden es super – nur diejenigen die in diesen Familien leben nicht immer. Besonders wenn eine junge Frau dazu kommt. Sie dringt in eine Struktur mit fest verankerten Gewohnheiten, Regeln und Traditionen.
Wenn sich die Familie nicht öffnet, die junge Frau willkommen heisst und sie akzeptiert wie sie ist, OHNE WENN UND ABER – dann hat die junge Frau keine Chance.
Bevor ich heiratete, nahm mich meine Chefin beiseite und redete mir ins Gewissen:
„Wollen Sie wirklich in einen Haushalt, mit einer Schwiegermutter Tür an Tür, einheiraten? Das kann einfach nicht gut gehen!“
Als frisch verheiratete Frau mit einem ledigen Kind, hatte sie bei ihrer Schwiegermutter nicht viel zu lachen. Auch meine Mutter musste sehr viel einstecken. Meine Grossmutter war eine dominante, herrschsüchtige Frau. Wir Kinder konnten sie um den Finger wickeln – meine Mutter aber ging durch die Hölle.
Es kann aber auch funktionieren – ehrlich – das ist kein Gerücht. Wenn die Interessen total verschieden sind. Zum Beispiel meine Schwiegermutter: Als sie ins Haus kam, war ihre Schwiegermutter krank und schwach. Sie war froh das Zepter abzugeben und sich von allem zurück zu ziehen. Oder eine Kollegin von mir: Sie arbeitet lieber auf dem Betrieb, jegliche Haushaltsführung war für sie ein „Muss“. Deshalb überliess sie die Kochtöpfe und Kindsbetreuung, noch so gerne, ihrer Schwiegermutter. Auch hier verläuft das Zusammenleben sehr harmonisch.

Ich war zuversichtlich: Meine Schwiegermutter war nett. Sie nahm mich mit offenen Armen auf. Was sollte ich also befürchten. Und ich behaupte auch heute noch, nach einigen Jahren Erfahrung, wären wir nicht Schwiegertochter und Schwiegermutter gewesen, dann hätte aus uns gute Freundinnen werden können.
So standen sich zwei Frauen gegenüber mit starken Charaktern. Selbstbewusst und überzeugt von den eigenen Fähigkeiten. Stier gegen Löwen – da flogen oft die Fetzen.

Heute sehe ich das so: Schon früh hatte ich einen gesunden Freiheitsdrang. Ich wollte fort von zu Hause, mein Leben leben. All zu grosse Nähe vertrug ich nicht. Ungebunden, frei, niemandem Rechenschaft schuldig– so habe ich gelebt in meiner Teenagerzeit. Meine Lern- und Wanderjahren waren turbulent, aber schön. Nach der Hochzeit merkte ich: Jetzt bist du genau wieder dort angelangt wovor du geflohen bist. Plötzlich ist da wieder jemand der dich bemuttern will. Ich wurde konfrontiert mit banalen Sätzen wie:
„Mit diesem T-Shirt kannst du aber nicht auf die Wiese!“
„Hier braucht es gutes Schuhwerk nicht nackte Füsse!“
„Zieh dir eine Jacke an, es wird kalt!“
Sie brachten mich zur Weissglut! Einfach einmal so – ganz spontan – eine Shoppintour… das konnte ich vergessen. Das Dorf verliess man Werktags nur:
- Wenn ein Ersatzteil für eine Maschine gebraucht wird.
- Für einen Zahnarzttermin.
- Fort- und Weiterbildung.
- Zu einer wichtigen Sitzung.
Aber ganz sicher nicht nur einfach so zum Vergnügen. Meine Schwiegermutter hat mir Freiheitsvogel die Flügel gestutzt. Dabei hat sie es ja gar nie böse gemeint. Sie wollte mir nur helfen, mir vieles beibringen. All die Erfahrung weiter geben die sie gesammelt hat. Ich aber wollte meine Fehler selber machen… mit Karacho reinrasseln und mich wieder hochrappeln.
Hätte ich nicht Marco an meiner Seite gehabt, der immer und in jeder Situation hinter mir stand, mich unterstützte und meine Schwiegermutter die Grenzen zeigte – dann wäre ich wohl schon nach einem halben Jahr auf und davon.
Ein amüsantes Erlebnis hatten wir Beide in Tiefencastel. Das Thema „Arbeitsbelastung der Bäuerinnen“ wurde rege, aber auch einseitig, diskutiert. Worauf Marco den „Spielverderber“ spielte und zu bedenken gab: Das die heutige Bäuerinnen nicht mehr so belastbar und überall einsetzbar sei wie früher. Er wollte provozieren, und ich hatte das allgemeine Mitleid auf meiner Seite (worin ich mich natürlich ‚sulte’) Nach der Sitzung kam eine alte Bäuerin auf ihn zu und meinte: „Recht haben Sie, genau so ist es!“ Wir lachen noch heute darüber.
Jetzt verrate ich allen Schwiegermütter einen Satz mit dem sie ihre Schwiegertöchter in den Wahnsinn treiben können. Eine Aussage die uns gleichzeitig zum Schreien, Toben, Fluchen und Kreischen bringt. Sagt einfach: „Ich habe es ja nur gut gemeint.“